Predigt nach Bildern, gemalt von SchülerInnen des Aufbaugymnasiums Hollabrunn
Das Vaterunser besteht im Deutschen aus 62 Worten, liebe Gemeinde, eine Verordnung der europäischen Kommission über den Import von Karamellprodukten hingegen kommt nicht mit weniger als 26.911 Worten aus - man kann mit vielen Worten wenig sagen und man kann mit einigen wenigen Worten viel bewegen.
Als seine Jünger Jesus baten, ihnen das Beten beizubringen, hat er sie das Vaterunser gelehrt. Es ist das zentrale Gebet der Christenheit geworden: Protestanten, Katholiken, Orthodoxe und auch freikirchliche Christen beten dies Gebet gleichermaßen. Für uns Anlass genug, die Schülerinnen und Schüler des Aufbaugymnasiums zu bitten, uns ihre Interpretation des Gebets des Herrn zu malen – was sie auf beeindruckende Weise getan haben.
1. Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Auf dem ersten Bild ist der Schöpfer zu sehen, der seine Schöpfung betrachtet. Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der uns Vater und Mutter, Lehrer und Freund ist…
Er hat uns Lebensraum geschenkt, er hat uns seinen Odem eingehaucht und er hat uns unser Leben geschenkt. Er will, dass wir leben - aufrecht und aufrichtig, dass wir glücklich sind und an den Spannungen, die zu unserem Leben gehören, nicht zerbrechen.
Ein Berg ist auf dem ersten Bild zu sehen, ein Berg. In Psalm 121 fragt der Beter: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Auf unserem Bild ist auf dem Gipfel ein Kreuz zu sehen, das große, christliche Symbol - Zeichen für die Auferstehung Jesu. Zeichen für den Sieg des Lebens über den Tod.
- In Jesus Christus sucht Gott unsere menschliche Nähe,
- In Jesus Christus macht der lebendige Gott eine menschliche Selbsterfahrung.
- In Jesus Christus sagt Gott zu uns: im Auf und Ab eures Lebens bin ich da. Ich lasse euch nicht im Stich. Jede Verletzung, die euch das Leben zufügt, schmerzt auch mich, jeder Dämon, der euch umtreibt, grinst auch mich an. Ich leide mit euch unter jedem Abschied, den ihr zu bewältigen habt…
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der mich in Christus bei der Hand nimmt und mir den Weg nach Hause zeigt.
2. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden.

Auf dem zweiten Bild sehen wir Gott und seine Erde dicht beisammen. Sie gehen ineinander über. Gott auf Erden, die Erde in IHM.
Angesichts der Nachrichten, die uns täglich erreichen, könnte man meinen, Gott und Welt fielen auseinander. Gott scheint keine große Rolle in den wirtschaftlichen und politischen Überlegungen unserer Zeit zu spielen. Die Kirchen scheinen keine große Rolle mehr im gesellschaftlichen Leben zu spielen. Glaube ist zur Privatsache geworden. Wir Christen mischen uns viel zu wenig ein in den Lauf der Welt. Das ist nicht gut!
„Ich habe einen Traum“, sagt Gott. „Bitte helft mir, dass er wahr wird. Es ist der Traum von einer Welt, deren Hässlichkeit und Elend und Armut, deren Kriege und Feindseligkeiten, deren Gier und gnadenloser Wettbewerb, deren Entfremdung und Disharmonie in ihr glorreiches Gegenteil verkehrt werden. Ich träume von einer Welt, in der es mehr Lachen, Freude und Frieden geben wird, Gerechtigkeit und Güte und Mitgefühl, Liebe, Fürsorge und Gemeinsamkeit. Ich habe den Traum, dass der Löwe wieder neben dem Lamm liegt, dass Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Baumscheren geschmiedet werden. Ich träume davon, dass meine Kinder wissen, dass sie zu einer einzigen großen Familie gehören, der Familie der Menschen, meiner Familie, in der es keine Außenseiter gibt. Alle gehören dazu. Schwarz und Weiß, Reich und Arm, Homo und Hetero, Jude und Araber, Palästinenser und Israeli, Katholik und Protestant, Serbe und Albaner, Hutu und Tutsi, Moslem und Christ, Buddhist und Hindu, Pakistani und Inder - alle.“(Desmond Tutu)
3. Unser tägliches Brot gib uns heute.

Licht und Wärme auf dem dritten Bild. Wasser und Brot, Braun und Grün, Erde und Leben…
Wenn jemand hungrig ist, möchte Gott das Wunder tun, diesem Menschen zu essen zu geben. Aber das geschieht heute nicht mehr, indem Manna vom Himmel fällt. Normalerweise und in den meisten Fällen kann Gott nichts tun, solange wir ihm nicht die Mittel an die Hand geben, um die Hungrigen zu speisen.
Wenn ein Mensch nackt ist, möchte Gott das Wunder tun, diesen Menschen zu bekleiden, aber dazu schwebt kein Designer-Outfit vom Himmel. Nein, wir sollen Gott das Rohmaterial für Seine Wunder liefern.
Wenn ein Mensch einsam, gefangen oder krank ist, möchte Gott das Wunder tun, diesem Menschen Lebensmut und Hoffnung einzuflößen. Das geschieht in aller Regel nicht durch eine laute Stimme vom Himmel, sondern indem wir uns in die Küche oder ans Bett dieses Menschen setzen und für ihn da sind. Oder ihn im Gefängnis besuchen, so dass er merkt: Ich bin nicht abgeschrieben…
In Rom gibt es eine Kirche mit einer Christusstatue ohne Arme. Sie will uns zeigen, wie sehr sich Gott darauf verlässt, dass wir, als seine menschlichen Partner, sein Werk für Ihn vollenden. Ohne uns hat Gott keine Augen, keine Ohren und keine Arme. Gott wartet auf uns und verlässt sich auf uns.
Wenn wir Gottes Wesen spiegeln wollen, dann müssen wir uns in besonderer Weise um die kümmern, die an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. Den Armen, den Gestrandeten und den Hungrigen müssen wir unsere Stimme leihen - und da sein, wo Jesus wäre.
Unser Tägliches Brot gib uns heute… Gebt ihr ihnen zu essen, sagt Jesus zu seinen Jüngern, ich helfe euch dabei!
4. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Unser viertes Bild. Gut und Böse ineinander verwoben. Hell und Dunkel unseres Lebens ineinander verwoben. Schnell wird deutlich, wie dumm ein ‚Schwarz- weiß- Denken’ ist und wie wenig es dem Leben gerecht wird. Wir sind nie nur gut oder nur schlecht, wir haben beides in uns: positive und negative Eigenschaften. Große Gaben und tiefe Abgründe, in die wir besser niemand blicken lassen.
„Wenn wir wirklich verstehen wollen, dass Gott uns alle liebt, müssen wir anerkennen, dass er auch unsere Feinde liebt. Gott teilt unseren Hass nicht, ganz gleich, welches Unrecht wir erduldet haben. Wir versuchen, Gott für uns und unsere Sache zu beanspruchen, aber Gottes Liebe ist zu groß, als dass sie sich auf eine Seite eines Konfliktes oder auf eine Religion begrenzen ließe. Und unsere Vorurteile, ob sie auf Religionszugehörigkeit, Rasse, Nationalität, Geschlecht, sexueller Orientierung oder etwas anderem basieren, sind in Gottes Augen absolut und in höchstem Maß lächerlich.“ (Desmond Tutu)
Anderen Menschen vergeben, sich mit ihnen versöhnen bedeutet nicht, die Augen vor dem Unrecht zu verschließen. Versöhnung legt die Wahrheit offen, die Schmerzen, die Verletzungen. Dadurch kommt alles Schlimme noch einmal hoch. Doch wenn wir unser Unrecht erkennen und es bereuen, dann wächst auch das Bedürfnis das Unrecht einzugestehen, das wir begangen haben und den Anderen um Vergebung zu bitten.
Wer vergibt, der bekundet damit, dass ihm die Beziehung zum Nächsten wichtig ist und dass er daran glaubt, dass der Täter sich zu ändern kann. Hier liegt die Chance für einen Neuanfang.
Deshalb fordert Jesus uns auf, nicht nur sieben Mal, sondern siebzig Mal sieben Mal zu vergeben – also immer. Leider fügen wir oft den Menschen Unrecht zu, die wir lieben. Wir brauchen also immer wieder ihre Vergebung. Vergessen wir dabei nicht: Wer vergibt, heilt auch sich selber.
5. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ich bin sehr dankbar für unser fünftes Bild, weil auf ihm eine Versuchung dargestellt ist, die wesentlich zur Zerstörung von menschlichen Beziehungen und zur Zerstörung der Schöpfung beiträgt: die Versuchung zu meinen, unser Glück läge im Haben.
Mit großer Gier versuchen manche Menschen sich ihr Stück vom Lebenskuchen abzuschneiden – egal wie viel für die anderen übrigbleibt. In einer Fernsehdokumentation hat ein Broker der New Yorker Börse die ‚Spielregeln’ in seinem Geldgeschäft folgendermaßen beschrieben: ‚Du hast dich verspekuliert, hast alles verloren? Pech für dich. Ich steig über deine Leiche und mache meine nächste Million.’
Auf unserem Bild leuchtet auch auf der dunklen Seite der Gier ein Licht. Und der dargestellte Mensch hat Gott sei Dank eine helle, lichte Seite. Auch hier funktioniert unser ‚Schwarz-weiß-Denken’ nicht. Wir alle haben den Neid, die Gier, das ‚Haben-wollen’ in uns.
Doch Gott traut uns zu, dass wir lernen diese Eigenschaften zu beherrschen, ihnen ihren Platz in unseren Leben zuzuweisen, ihnen nicht die Herrschaft zu überlassen.
6. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit - in Ewigkeit. Amen.

Der Kreis schließt sich. Ein kraftvolles Schlussbild. Die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, und Luft formen das Antlitz Gottes. Der Regenbogen steht für Gottes Freundschaft mit uns Menschen. Gottes Wort eröffnet uns neue Räume, wenn wir den Mut haben uns darauf einzulassen, über die Schwelle zu treten und diese Lebensräume zu betreten. Wer hingegen immer nur ängstlich im Vertrauten verharrt, verpasst manche Erfahrung, die Gott ihm zugedacht hat. Schließen möchte ich mit dem großen Lobgesang des Franziskus:
Gelobet seist du, Herr, mit allen Wesen, die du geschaffen. Mit unsrer Schwester, der Sonne, die uns den Tag heraufführt, die Licht uns spendet mit ihren Strahlen, die Schöne. Dein Gleichnis ist sie, mein Gott. Gelobet seist du, Herr, durch Bruder Mond und durch die funkelnden Sterne. Gelobet seist du, Herr, durch Luft und Wolke, durch unsern Bruder, den Wind. Gelobet seist du, Herr, durch Schwester Quelle. Wie köstlich ist sie und rein. Gelobet seist du, Herr, durch Bruder Feuer, den mächtig lodernden Brand. Gelobet seist du, Herr, durch Mutter Erde, die gütig und stark uns trägt. Sie schenkt uns Früchte und vielerlei Nahrung und farbige Blumen und Matten. Gelobet seist du, Herr, durch die, die vergeben um deiner Liebe willen. Gelobet seist du, Gott durch unseren Bruder, den Tod. Niemand kann ihm entrinnen. Gelobet seist du, Gott. Wer in dir stirbt, er bleibt bewahrt vor dem zweiten Tod.
Amen.
Pfr. Christian Brost