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Unser Land in Gottes Hand

Stellungnahme des Ökumenischen Rates

Zu den allseits bekannten Wahlplakaten der FPÖ hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich, dem auch die Röm. Katholische Kirche angehört, am 5. Mai 2009 wie folgt Stellung genommen:

Wir verwahren uns entschieden gegen jede Vereinnahmung des christlichen Glaubens auf Wahlplakaten. Wir stellen klar: Jedes Land ist in Gottes Hand. Christen rechnen nicht ab, sondern stiften Frieden.

Auch die 7 SuperintendentInnen Österreichs haben alle Christinnen und Christen aufgerufen, „nachdrücklich und öffentlich dem Ungeist, der aus diesen Slogans spricht“, entgegenzutreten.

Trennung von Kirche und Staat

Wenn eine Partei oder ihr Obmann im Namen des Christentums polemisiert (so nannte es Bischof Dr. Bünker in der Kleinen Zeitung), so ist das von den christlichen Kirchen nicht wortlos hinzunehmen. Die Trennung von Kirche und Staat bedeutet nicht bloß einseitig, dass Kirchen nicht parteipolitisch agieren, sondern auch, dass Politiker – welcher Partei auch immer – nicht religiöse Symbole und Gefühle für parteipolitische Zwecke missbrauchen.

Vorliegend kommt noch dazu, dass die FPÖ hier inhaltlich eine radikale Position vertritt, die mit dem Christentum nicht vereinbar ist, weil sie pauschal gegen Minderheiten und deren religiöse Ansichten gerichtet ist. Was kommt als Nächstes? Auch wir Evangelische sind eine Minderheit. Im Laufe der Geschichte Österreichs mussten die Evangelischen lange Zeit ertragen, was es heißt, den „falschen“ Glauben zu haben!

Europa - ein Friedensprojekt

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa meint zu den Europawahlen: „Europa ist ein Zukunfts- und Friedensprojekt des Zusammenlebens verschiedener Kulturen, Religionen und Nationen und verdient solchermaßen die Unterstützung der Evangelischen Kirchen aus dem Geist der Versöhnung und Gerechtigkeit.“

Für Versöhnung und Frieden

Das bedeutet nicht, dass es in Europa nicht viel zu verbessern gäbe. All das hat auch nichts damit zu tun, dass in Österreich teilweise große integrationspolitische Defizite existieren und bedeutet auch ganz sicher nicht, dass die Evangelische Kirche für schrankenlose Zuwanderung wäre. Ich persönlich glaube aber, dass es unsere Pflicht als Christinnen und Christen ist, in der Nachfolge Jesu positiv für Versöhnung und Frieden einzutreten und nicht Andere(s) auszugrenzen, zu provozieren oder ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft zu gefährden.

Kurator Gert Lauermann

Zelte aufstellen und dann auf Empfang stellen

Treffpunkt: Pfadfindergelände

So kann man den Gottesdienst im Grünen, den wir am Sonntag, dem 14. Juni in Stockerau feierten, betiteln. Viele waren aus der Diaspora zusammengekommen, um an diesem immer wieder besonderen Fest teilzuhaben. Zelte für das an den Gottesdienst anschließende Beisammensitzen waren für uns aufgestellt. Denn die Pfadfindergruppe Stockerau, die uns ihren Platz zur Ver­fügung stellte, hatte das bereits vor bereitet. Ein Holzaltar und ein schönes Holzkreuz – alles ohne Nägel oder Schrauben, nur zusammengebunden, erwartete uns schon.

„Auf Empfang stellen“

„Auf Empfang stellen“, war der Hauptgedanke aus der Predigt von Pfarrer Christian Brost. Nach Pfingsten und Trinitatissonntag hatte auch dieser 1. Sonntag nach Trinitatis seinen Schwerpunkt beim Heiligen Geist. So möge es uns gelingen, trotz hektischer Zeiten und vielfältiger Verpflichtungen unsere Empfangsbereitschaft aufrecht zu erhalten, in uns immer wieder Ruhe einkehren lassen, um uns selber zu erkennen und Gottes Stimme in der Stille wahrzunehmen.

Versorgung rundum

Der Gottesdienst ging mit dem traditionellen Vaterunser im großen Kreis und dem Mitmachsegen zu Ende. Im anschließenden, lukullischen Teil des Festes wurden Würstel, Grillteller, Salate und traum hafte Mehlspeisen – von den Pfadfindern zubereitet – verdrückt. Kühle Getränke und Kaffee fehlten auch nicht. Im Schatten der Zeltplanen waren auch gute Gespräche möglich.
Irmi Lenius

P.S.

Ein riesengroßes DANKESCHÖN an die Pfadis, die so unkompliziert und gastfreundlich für uns da waren!

Eine Antenne zu Gott haben

Ansprache beim Gottesdienst im Grünen 2009

Ich hab euch zur Predigt was mitgebracht, liebe Gemeinde! Eine alte Zimmerantenne. Ich weiß, jetzt gibt’s Kabel oder Schüssel, aber als ich Student war, hatte ich so ein Teil.

Ich hab in meiner Studentenbude einen kleinen Fernseher aufgestellt, das Antennenkabel in den Fernseher gesteckt und eingeschaltet: rauschen , flimmern, Streifen… Und dann ging’s los: gebogen, verrutscht, gedreht, ausgerichtet – bis ich ein einigermaßen scharfes Bild für Fußballübertragungen und Samstagabendkrimis hatte. Als die Antenne ausgerichtet war konnte ich die prima empfangen.

Man muss eben eine Antenne für den Empfang haben – und die sollte vernünftig eingestellt und ausgerichtet sein. Im Volksmund gibt es einen Ausdruck: der hat eine Antenne dafür; d.h. da hat einer Gespür und Begabung für etwas – für handwerkliche Tätigkeiten, für die Mathematik, oder aber um die Stimmungen anderer zu erspüren.

Es gibt Leute, die haben eine Antenne für die Musik. Wenn die eine Melodie ein- zweimal gehört haben – ist die abgespeichert und kann nachgesungen oder auf dem Klavier nachgespielt werden. Wer eine Antenne für die Musik hat, der tut sich leicht, ein Instrument zu lernen.

Kann man eigentlich auch eine Antenne für Gott haben?

Darum geht’s nämlich beim Glauben: eine Antenne für Gott zu haben und die richtig auszurichten. Ich behaupte mal: eine Antenne für Gott hat jeder. Der Apostel Paulus sagt einmal: ‚Gott umgibt uns unsichtbar. In ihm leben, weben und sind wir’! Wie die Fische im Wasser. Und weil Gott da ist, können wir mit ihm reden, auf ihn hören, von ihm lernen – jeder hat eine Antenne für Gott. Das Problem ist, dass die nicht immer gut auf Empfang eingestellt und ausgerichtet ist. Und dass es manches gibt, was den Empfang stört: den alltäglichen Lärm zum Beispiel, der uns umgibt. Von Freunden haben wir gehört, dass es im Internet ein Spiel gibt, bei dem man Geräusche erkennen muss: es beginnt mit einem Geräusch und dann kommen immer neue dazu. Nun geht es darum aus dem wachsenden Geräuschpegel herauszuhören, welches neue Geräusch jeweils dazukommt. Irgendwann geht das nicht mehr.

Signale hören

So ist das auch mit den Signalen von Gott. Irgendwann ist unter dem Gedudel des I-pods, dem Klingeln des Handys und den vielen anderen Alltagsgeräuschen Gottes Stimme nicht mehr zu hören.

Antennenverbieger können auch die vielen Bilder sein, die täglich auf uns einstürzen. Irgendwann verschwimmt Gottes Bild vor unserem inneren Auge, weil sich die Bilder der langen Filmnacht, die Zeitungsmeldungen und Computerspiele da drinnen breit machen. Auch im Rausch verschwimmt Gottes Bild für uns: Wie hat er gesagt, der Jan Ulrich? Ich hab halt einem Freund vertraut und eine Tablette genommen, um in der Disco gut drauf zu sein, länger tanzen zu können, um high zu sein. Mit dem Alkohol läuft’s ähnlich: ‚Komm, noch einen Cocktail. Was, mehr verträgst du nicht? Spielverderber. Ich kann viel mehr trinken und immer noch locker fahren – wetten?! Bis Gottes Bild in der Sucht verschwimmt und der Kater und der Katzenjammer groß sind.

Nein, es ist nicht leicht, in unserer Zeit die innere Antenne auf Gott auszurichten. Aber es ist möglich. Wenn man wirklich will. Wer wirklich will, kann auch in einem noch so turbulenten Alltag zur Ruhe kommen, still werden. Wie ein kleiner See, auf dem die Wasseroberfläche zunächst aufgewühlt und dann ganz ruhig und glatt ist, so dass sich auf ihr der Himmel spiegelt und das Gesicht des Betrachters; zur Ruhe kommen, so dass die Seele den Himmel spiegelt; zur Ruhe kommen, so dass Gott ein gutes Wort in unser Herz fallen lassen kann, einen erhellenden Gedanken, eine neue Idee, die in unserem Leben Kreise zieht. Darum geht’s. Dafür sollten wir eine Antenne haben. Und die darf nicht verbogen sein.

Antennen

Ich glaube, dass die Musik für manchen so eine Antenne hin zu Gott sein kann: Geh aus mein Herz, Ich singe dir mit Herz und Mund; Großer Gott wir loben dich – wer solche Lieder singt, bei dem kommt mit der Zeit innerlich was zum klingen. Ich kenne eine alte Dame, die es nicht leicht hat. Wenn wieder einmal schwere Gedanken kommen, summt oder singt sie eines der vielen Glaubenslieder, die sie im Laufe ihres Lebens gelernt hat. So singt sie sich Freude und Glaubensmut herbei.

Auch der Gottesdienst ist so eine auf Gott ausgerichtete Antenne: Vorige Woche haben wir im Gottesdienst südamerikanische Klänge gehört. Der Vater unseres Taufkindes hat mit Freunden musiziert – ansteckend. Plötzlich haben die Beine gezuckt und die Hände geklatscht vor lauter Freude. Und Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Konfession haben miteinander gesungen und gebetet.

Ein letztes: Ich hab seit einiger Zeit ein neues Telefon, mit Terminkalender und allen drum und dran. Das hab ich bei mir, wenn ich im Dienst bin. Wenn ich irgendwo warten muss: beim Schuhe kaufen mit den Töchtern, beim Zahnarzt oder in der Schlange an der Supermarktkasse, werfe ich einen Blick auf die Tageslosung, die mir für jeden Tag angezeigt wird. Ein zwei Sätze aus der Bibel, die nicht selten meinen Gedanken eine ganz neue Richtung geben und mich wieder aufrichten – und ausrichten auf das, was wirklich wichtig ist…

Ich lade euch ein, eure innere Antenne auf Gott auszurichten: zur Ruhe zu kommen, das Herz zu öffnen und auf Gott zu hören, dass sein Programm nicht an euch vorbeirauscht. Es lohnt sich, die innere Antenne auf Gott auszurichten.

Wer meine Rede hört, sagt Jesus, und tut sie, der gleicht einem klugen Menschen, der sein Haus auf Fels baut. Kein Windstoß, kein Platzregen kann solch einem fest gegründeten Lebenshaus etwas anhaben!

Amen.

Pfr. Christian Brost

Selam the children of Ethiopia - Friede den äthiopischen Kindern

Liebe Leserin, lieber Leser,
da Pfarrer Brost mich darum gebeten hat, möchte ich Ihnen gerne mich und meine Arbeit vorstellen. Mein Name ist Miriam Zillner, ich wohne in Bruderndorf und studiere Sozialarbeit in St. Pölten. Meine Semesterferien verbringe ich allerdings immer in Äthiopien. Und das kam so:

Wie alles begann

Nach meiner Matura bin ich 2007 auf der Suche nach einem sozialen Projekt in Äthiopien gelandet - in einem Waisenhaus in Addis Abeba, wo ich ein halbes Jahr verbringen wollte, um mich um die Kinder zu kümmern und ihnen so ein wenig Freude zu bereiten. Ich war erschüttert, unter welch unvorstellbar schlechten Lebensbedingungen Waisenkinder dort leiden.

Friede den äthiopischen Kindern

Diese Eindrücke, die ich in Äthiopien gesammelt habe, haben mein Leben verändert und mir meine Berufung deutlich gemacht: Ich möchte nach meinem Studium ganz nach Äthiopien gehen, um den Kindern dort kompetent zu helfen. Schon jetzt verbringe ich so viel Zeit wie möglich in meiner Wahlheimat.
Um den kleinen Menschen im Waisenhaus auch in der Zeit helfen zu können, in der ich nicht in Afrika bin, sondern mich durch mein Studium auf meine spätere Aufgabe vorbereite, habe ich im November 2008 einen Verein gegründet: Selam the children of Ethiopia/Friede den äthiopischen Kindern.
Dank vielen Unterstützern ist es dem Verein gelungen, den Lebensstandart der Kinder zu verbessern: So bekommen sie regelmäßige Mahlzeiten, die Hygiene konnte verbessert werden, und die Kinder erhalten eine schulische Grundbildung.
Doch haben wir noch lange nicht alles erreicht, was wir wollen. Die nächsten Ziele sind eine qualitativ höherwertige Schulbildung, mehr Betreuungspersonal für die Kinder und eine weitergehende Begleitung, bis sie einmal beruflich auf eigenen Beinen stehen.

Wir wollen unterstützen

Als ich von meinem ersten Äthiopienaufenthalt zurück kam, nahm ich ganz bewußt Verbindung mit unserer evangelischen Gemeinde auf und wurde sehr freundlich aufgenommen. Seither besuche ich mit meinen Schwestern gerne und regelmäßig die Gottesdienste in Stockerau.
Das Presbyterium und Pfarrer Brost haben mir zugesagt, meine Arbeit zu unterstützen, so dass sie künftig hier in den Gemeindenachrichten immer wieder einmal einen Bericht zu lesen bekommen. Gerne sende ich Ihnen weitere Informationen zu und freue mich, wenn Sie mich durch Ihr Gebet und Ihre Gaben unterstützen.

Mit lieben Grüßen,
Ihre Miriam Zillner

Kontaktdaten

Miriam Zillner
Hauptstraße 48
2004 Bruderndorf
Tel. (0664) 3734286
e-Mail: s.c.e@gmx.at

Spendenkonto

SCE - Selam the children of Ethiopia
PSK
BLZ: 60000
Konto Nr: 0051 0046 447

Video-Ankündigung TV-Gottesdienst

Unser Reformationsgottesdienst am 31. Oktober wird im ORF live und im ZDF zeitversetzt am 1. November gesendet.

Eine Ankündigung dieses Gottesdienstes ist im Internet veröffentlicht.

Der aaronitische Segen

Predigt zu 4 Mose 6, 22-27

Liebe Gemeinde, mit unserem heutigen Predigttext begegnet uns praktisch ein alter Bekannter. Sie, liebe Gemeinde, haben diesen Text schon viele Male gehört, einige sicher schon hunderte Male. Es handelt sich um den sogenannten Aaronitischen Segen, der im 4. Buch Mose im 6. Kapitel steht

Und der HERR redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Wir kennen diesen Segen alle. Jedes Mal in jedem Gottesdienst werden wir mit ihm gesegnet und auch am Ende dieses Gottesdienstes werden Sie wieder unter diesen Segen gestellt. Und ich bin mir sicher, einige von Ihnen werden ihn sogar auswendig können.

Aus meiner Erfahrung und aus Gesprächen weiß ich, daß dieser Segen für viele Menschen eine große Bedeutung hat. Manchmal vielleicht sogar eine größere als die vielen wohlüberlegten und fein zusammengestellten Worte des Pfarrers bei der Predigt. Dies bestätigt auch eine kleine Begebenheit.

Ein Pfarrer in der Nähe von Ansbach besuchte regelmäßig eine fast neunzigjährige, geistig schon stark verminderte Frau. Ein Gespräch kam fast nicht mehr zustande, auch wenn er sich noch so bemühte. Als er es wieder einmal vergeblich versucht hatte, mit der Frau zu reden, verabschiedete er sich und sprach zum Schluß den gottesdienstlichen Segen. Da ging eine spürbare Bewegung durch die Frau und sie sagte in bestem Fränkisch: “Heut hast a mal was G´scheits g´sagt!”

Die Frau hatte wahrscheinlich den Segen so oft in ihrem Leben gehört, daß er in die tiefsten Schichten ihres Bewußtseins und ihres Lebens eingedrungen war. Sätze, die man immer und immer wieder hört, seien es gute oder schlechte, tragen wir oft nicht im Kopf, sondern in unserem Herzen. Und als die Frau nun den Segen wieder hörte, konnte mitten in ihre Umnachtung das äußere Wort an ein inneres Wort, das in ihr wohnte, anknüpfen. Und vielleicht, ja wahrscheinlich fühlte sie sich in diesem Augenblick wirklich gesegnet.

Der Segen ist schon etwas Besonderes. Das zeigt sich auch daran, daß über den Segen in der langen Kirchen- und Theologiegeschichte niemals ernsthaft gestritten wurde. Und man hat in der Kirche schon so gut wie über alles gestritten.

Daß es seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden keinen Streit um den Segen gibt, hat natürlich etwas mit dem Wesen des Segens zu tun. Der Segen hat nämlich eine stille und unaufdringliche Selbstverständlichkeit.

Schon in der Bibel ist der Segen ein Dauerthema, aber oft nur versteckt und unauffällig. Er wird ein wenig verdrängt von den viel spektakuläreren Rettungstaten Gottes: Gott führt Israel aus Ägypten, er führt es durch das Schilfmeer, er läßt die Mauern von Jericho bersten, er läßt den kleinen David den Riesen Goliath besiegen, er läßt Jesus Wunder tun und schließlich Sünde und Tod überwinden.

Gottes rettendes Handeln steht uns viel stärker vor Augen und ist auch viel häufiger Thema von Predigten. Dagegen hält sich Gottes segnendes Handeln im Hintergrund auf. Ohne daß wir es spüren, ohne daß wir es bewußt bemerken, leben wir von dem hintergründigen, offen nicht sichtbaren Segen Gottes. Die ganze Welt ist umfangen von Gottes Segen.

Denn das erste, was Gott macht, nachdem er die Menschen geschaffen hat ist: er segnet sie. Später legt er seinen Segen auf sein Volk Israel. Und schließlich gibt Jesus Christus Gottes Segen weiter.

Und die Jünger segnen im Namen Gottes und in der Kirche wird gesegnet und so wird der Segen weitergegeben von Generation zu Generation bis heute, bis in diesen Gottesdienst hinein.

Still und unaufdringlich wird die Welt, werden wir begleitet von Gottes Segen, von Gottes erhaltender Kraft. Und wir brauchen ihn, den Segen. Denn vieles, was uns selbstverständlich erscheint im Alltag, ist keineswegs selbstverständlich. Daß wir diesen Tag heute erleben dürfen. Daß wir Menschen kennen, die uns wohlgesonnen sind. Davon leben wir und das ist ein Segen für uns, daß das so ist. Das ist keineswegs selbstverständlich.

Und durch den Segen werden wir immer wieder daran erinnert, daß wir über unser Leben und über unsere Lebenskräfte selbst nicht verfügen können. Wir leben nicht aus uns selbst und wir leben nicht von uns selbst. Sondern wir sind abhängig davon, daß wir das Leben, die Kraft zum Leben und die Dinge zum Leben bekommen.

Wir merken das meistens erst dann, wenn uns die Kräfte versagen. Was für ein Segen es z.B. ist., wenn wir Tag für Tag keine Zahnschmerzen oder Schmerzen überhaupt haben, merken wir erst dann, wenn wir welche haben.

Nur Gottes Segen erhält, was sonst verfällt. Er hält uns über dem Abgrund, daß wir nicht ins Bodenlose stürzen. Und an ganz besimmten Stellen unseres Lebens wird uns das oft schlagartig und manchmal auch in erschreckender Weise bewußt, daß unser Leben ein Wandern auf einem schmalen Grad ist zwischen miß-lingen und gelingen.

Und wir können alles versuchen, unser Leben auf die eine, die bessere Seite zu bringen. Wir können viel tun und uns anstrengen, aber wir können es letztlich nie sichern. Unser Leben bleibt in der Schwebe.

Deshalb wird der Segen häufig auf der Schwelle gesprochen, dort, wo etwas Neues anfängt. Wir treten ein ins Leben und werden gesegnet bei der Taufe. Wir treten ein ins Erwachsenenalter und werden gesegnet bei der Konfirmation. Wir treten ein in das Leben zu zweit und werden gesegnet bei der Trauung. Wir treten ein in Gottes Reich und werden gesegnet bei der Beerdigung. Wir treten ein in ein neues Lebensjahr und werden gesegnet bei unserem Geburtstag. Wir treten ein in eine neue Woche, von der wir nicht wissen, was sie alles bringt und werden gesegnet im Got-tesdienst.

Und wir werden gesegnet mit den Worten: Der Herr segne dich und behüte dich.

Das bedeutet, daß Gott, der Herr unser verletzliches und so leicht zerbrechliches Leben in seine Hände nimmt. Wir merken es nur oft nicht, weil es dauernd und selbstverständlich geschieht, wie unser Herzschlag. Und wenn wir einmal fallen, dann fallen wir in die offenen und segnenden Hände Gottes. Darauf macht der erste Segensspruch aufmerksam.

Der zweite Spruch: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

bedeutet: Gott sieht keinen Augenblick weg. Nicht eine Minute wendet Gott seinen Blick von uns ab oder senkt seinen Blick wie ein verstimmter Mensch. Gott trägt keine Maske, sondern wir können Gott ins Angesicht schauen, daß er uns gezeigt hat in seinem Sohn Jesus von Nazareth.

Und wir können Gott offen ins Angesicht sehen, weil nicht unser Versagen und nicht seine Rache zwischen uns stehen, sondern seine Gnade und Liebe. Darauf macht uns der zweite Segens-spruch aufmerksam.

Der dritte Spruch: Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

bedeutet: Gott setzt Frieden dort, wo Menschen zusammenleben. Wie empfindlich, und wie zerbrechlich dieser Frieden ist, das wissen wir nicht nur von den Kriegen und Konflikten, die wir im Fernsehen sehen, sondern aus unserem eigenen Alltag. Wir erfahren selbst oft genug, wie leicht der Segen Gottes unter unseren Händen verdirbt und sich ins Gegenteil verwandelt.

Dennoch - und das ist schon ein große Sache - hört Gott nicht auf zu segnen und hat seinen Segen an diese Worte gebunden. Wem dieser Segen zugesprochen wird, der ist gesegnet und den begleitet Gott nach dem Gottesdienst in seine Wohnung, in sein Zimmer oder wo auch immer Sie hingehen mögen.

Und Segen heißt nicht, dass wir privat versichert sind bei Gott, sondern ist die feste Zusage: „Du bist nie verlassen. Du kannst immer, immer zu Gott kommen!“

Und wenn Ihnen nachher dieser Segen wieder zugesprochen wird, dann geschieht das mit erhobenen Händen. Das bedeutet, auf jedem von uns liegt Gottes Hand.

Und ich wünsche uns, daß wir diese Hand spüren, die uns er-hält und daß wir uns manchmal freuen können und lächeln über die Selbstverständlichkeiten unseres Lebens, die wir Tag für Tag von Gott empfangen und die gar nicht so selbstverständlich sind.

Amen.

Pfr. Ralf Matthes

Chorausflug nach Waidhofen und Heidenreichstein

Weitere Fotos

Wenn ein Chor eine Reise tut –
auch wenn es ist nur eine kleine,
da gibt es was zu hören –
vor Ort und auch Daheime.

12-köpfig machten wir uns mit 3 Pkws am 2. Mai auf die Fahrt nach Waidhofen an der Thaya. Das erste Ziel war klar: die ziemlich neue evangelische Kirche in Waidhofen, einer Predigtstation der Pfarre Gmünd.

Die evangelische Kirche in Waidhofen

Nach mehreren oder wenigeren Umwegen – abhängig vom Fahrzeug(lenker) kamen schließlich doch alle ans Ziel, wo uns Hr. Sartor, Lektor in Waidhofen, bereits erwartete. Da erfuhren wir, dass sich bis 1996 auf dem Platz, wo jetzt die Kirche steht, der Lindenhof mit einem Gottesdienstraum befand. Es folgten Jahre des Planens, Zögerns, Wünschens und schließlich am Vorabend zum Reformationsfest 2004 die feierliche Einweihung der Kirche.

Sie ist eine Besondere. Modern, verspielt, aber nicht penetrant neuzeitlich. Sie spricht eine eigene Sprache, die sehr einladend auf ihre Besucher wirkt. Architekt und Planer ist Prof. Efthymios Warlamis, ein griechisch-orthodoxer Christ, was auch die vielen orthodoxen Elemente dieser Kirche erklärt. So bietet diese Kirche der Frohen Botschaft auch zahlreichen ökumenischen Veranstaltungen einen überaus geeigneten Raum.

Und auch die Akustik ist gut. Das haben wir selbstverständlich getestet, indem wir 2 Stücke zum Besten gaben. Herrn Sartor hat es so gut gefallen, dass er uns für einen Abend einladen würde. Na das wäre dann unsere erste Tournee.

Stadtführung durch Waidhofen

Eine kurze Stadtführung veranschaulichte die besondere Dreiecksform der Altstadt, ihre erhabene Lage an der Thaya, ließ uns in der katholischen Kirche, dem „Dom vom Waldviertel“ eine 2. Hörprobe geben, schenkte uns eine Begegnung mit der vom Aussterben bedrohten Waldrappe und führte uns schließlich direkt zum Mittagessen. Davor bedankten und verabschiedeten wir uns von Herrn Sartor und schmiedeten dann während des Essens konkrete Pläne für den Nachmittag.

Weiter nach Heidenreichstein

Der begann dann mit einer kurzen Fahrt nach Heidenreichstein und dem Erkunden der evangelischen Kirche, die 2008 ihren 100. Geburtstag feierte. Von außen hui, innen zwar nicht pfui, aber eher enttäuschend. Die katholische Kirche haben wir auch noch aufgesucht, auch dort noch mal gesungen. Das Tichyeis (aus Wien!) in Heidenreichstein war Pflicht und half, auf der Heimfahrt bis zum Heurigen in Maissau nicht zu verhungern.

Eine kulinarische Reise

Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich selber den Eindruck, dass das leibliche Wohl – im Besonderen die Ernährung – für uns Sängerinnen und Sänger von vorrangiger Bedeutung war. Und dabei habe ich noch nicht erzählt, dass wir in Waidhofen auch in DER Konditorei waren. Konditorei Müssauer – macht auch selber Schokoladen….mhm…!

Also wir hatten einen wirklich schönen, vielseitigen und harmonischen Chorausflug. PS von mir persönlich: ein bisschen Wandern tät unseren Singkörpern auch gut. Vielleicht das nächste Mal?!

Irmi Lenius

Eine Stunde mit ihm wachen

Predigtmeditation

Liebe Gemeinde!

Emil Nolde: Der Prophet

Ein „Häufchen Elend” - so nennt der Volksmund so einen Menschen: zerzauste Haare, eine zerfurchte Stirn, leere, tief in den Höhlen liegende Augen, eingefallene Wangen, herunterhängende Lippen und ein unordentlicher Bart.

„Der Prophet” - so nannte Emil Nolde seine 1912 angefertigte Zeichnung. Ein Prophet am Ende seiner Mission, vor dem Scheitern. Voller Optimismus aufgebrochen, um den Menschen eine Botschaft zu bringen; des Beistands seines göttlichen Auftraggebers gewiss. Und nun am Ende. Von den Menschen nicht gehört, abgelehnt, verfolgt und von Gott scheinbar verlassen. Ein Blick in die Augen zeigt das ganze Dilemma: Ein Auge ist von der Erkenntnis des drohenden - eventuell auch persönlichen - Unheils verdunkelt, das andere aber schaut durchdringend in eine vielleicht bessere Zukunft.

“Weil Gott weiß, was morgen ist, brauchen wir heute keine Angst zu haben”, sagte der evangelische Pfarrer Heinrich Giessen. Diese Sicherheit, dass Gott für das Morgen sorgt, scheint für Jesus in weite Ferne gerückt. Die Angst regiert, bedroht seine Existenz, greift die Wurzeln an, aus denen er lebt: seinen Glauben und sein Vertrauen in den Vater.

Mit der Angst verhält es sich wie mit der Liebe: sie kann maßlos werden. Während die Liebe lebendig wird, wenn man sie teilt, verschwindet die Angst, wenn jemand da ist, der sie teilt. Jesus, der sein Leben lang seine Liebe mit den Menschen teilte, möchte in dieser Stunde seine Angst teilen - mit den Jüngern, mit dem Vater. Doch die Jünger schlafen und der Vater schweigt. In dieser Situation beginnt Jesus zu beten und nimmt so der Angst ihren Schrecken.

Herr Jesus Christus, in der Nacht von Gethsemane hast du die Angst vor dem Tod durchlitten. Ungezählte Menschen haben diese Angst auch erlebt. Sie spiegelt sich in allen unsern Ängsten wieder. Hilf uns in unseren Ängsten den Weg zum Gebet finden. Schenke uns in der Angst Worte des Betens, die die Schrecken bannen und das Vertrauen zum Vater wieder herstellen. Amen.

Roland Litzenburger: Was für ein Mensch

Seltsam verrenkt reckt ein Mensch die Arme nach oben. Es sieht aus, als wären sie ihm ausgekugelt worden. Vielleicht ein Folteropfer – aus einem Konzentrationslager oder dem Verlies eines Geheimdienstes irgendwo in der Welt. Stundenlang an den Händen aufgehangen. Zerschlagen, ohne die Kraft und ohne den Willen, den Kopf zu heben.

So ähnlich ist es Jesus ergangen. Die Kopfhaltung drückt Resignation aus: „Macht doch mit mir, was ihr wollt, ihr habt mich zerbrochen.” Die Augen sind geschlossen, um nichts mehr sehen zu müssen. Doch in den Händen lebt noch eine Hoffnung, die Kraft zu einem letzten Hilfeschrei.

Dieser Hilfeschrei richtet sich nicht an Menschen, die Hände ragen nach oben zum Himmel, von wo - wenn überhaupt - noch Hoffnung zu erwarten ist. Gegen alle Wahrscheinlichkeit und Erwartung wird die Hoffnung nicht enttäuscht. Das Leiden hat noch kein Ende, und Schmerz und Tod bleiben ihm nicht erspart, doch die Hilfesuchenden Hände werden ergriffen und mit neuer Kraft gefüllt.

‘Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.’ In diesen Worten verdichten sich Jesu Verzweiflung, Wut und Trauer. Was er in den drei Jahren seines öffentlichen Wirkens gesagt und getan hat, erscheint ihm in diesem Moment in weite Ferne gerückt. Die Ahnung von Leiden und Tod ist so übermächtig, dass er einen Fluchtweg sucht - auch auf die Gefahr hin, dass alles umsonst war. Hat er bisher Menschen getröstet und ermutigt, so bedarf er nun selbst der Zuwendung.

Herr, Gott, Vater im Himmel, wir tun uns schwer, zu verstehen, warum du das Leiden deines Sohnes zulässt. Doch das ist dein Geheimnis. Du leidest mit. Deine Schmerzen und deine Trauer sind nicht geringer als das Leid deines Sohnes. Du gehst nicht nur Jesu Weg mit, sondern den Weg eines jeden verzweifelten Menschen. Lass uns doch spüren, dass du auch uns in der größten Not nicht alleine lässt. Amen.

Max Hunziker: Die Armut unseres Geistes

„Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorbeigehen kann, ich ihn also trinken muss, so geschehe dein Wille.” Die Stunden im Garten von Gethsemane neigen sich dem Ende entgegen, und Jesus hat die Einsicht gewonnen, dass ihm der bittere Kelch, der Tod, nicht erspart bleiben kann. Er öffnet sich dem Willen seines Vaters. Der Zeitpunkt seiner Verhaftung naht, doch Jesus wartet nicht passiv auf seine Verfolger, sondern ergreift die Initiative und geht ihnen entgegen: „Die Stunde ist gekommen, jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen! Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.”

Woher nimmt Jesus die Kraft dazu? Es ist die Kraft des Vaters, die in ihm wirkt. Der Vater ergreift nicht gewaltsam von ihm Besitz, sondern Jesus öffnet sich ihm freiwillig. Er ist nicht leer oder ausgebrannt, sondern erfüllt von der Kraft und dem Willen des Vaters. Am besten kommt diese Beziehung zwischen Vater und Sohn in dem Begriffspaar von ‚Gehorsam und Geborgenheit’ zum Ausdruck. Jeder Begriff für sich allein genommen, spiegelt nur die halbe Wahrheit wider. Es handelt sich nicht um sturen Gehorsam, zu dem sich Jesus zwingen muss, und er wird wohl auch nicht von einem diffusen Gefühl der Geborgenheit erfasst, das ihm den Blick für die Realität, für das, was ihn erwartet, verschleiert. Jesus öffnet sich so sehr dem Vater, dass er und der Vater eins werden. Das ist der tiefere Sinn von Geborgenheit, davon, in jemandem geborgen zu sein: wenn aber jemand geborgen wird - wir sprechen davon, einen Verletzten oder Verunglückten zu bergen - heißt das nichts anderes als gerettet zu werden.

Max Hunziker hat diese Geborgenheit in seinem Bild zum Ausdruck gebracht: Jesus, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen, den Kopf leicht gesenkt, dem Willen des Vaters ergeben. Und der Vater birgt ihn in seinen Händen. Das ist kein Schulterklopfen, keine Umarmung, das ist eine Umhüllung. Vater und Sohn werden eins. Der Sohn braucht den Vater, um nicht ins Bodenlose zu fallen und der Vater braucht den Sohn, damit seine Hände nicht ins Leere greifen.

Jesus, im Garten von Gethsemane wirst du mit dem Vater eins. Doch diese einzigartige Beziehung zwischen dir und dem Vater schließt uns nicht aus: sie ist eine Einladung, uns auch aufzunehmen, wenn wir uns wie du dem Willen des Vaters öffnen. Guter Vater, als dein Sohn auf seine Verfolger zugeht, gehst du mit. So sehr liebst du uns Menschen, dass du mit ihm den Gang ans Kreuz mitgehst. Verstehen können wir deine Liebe nicht, nur uns darüber freuen und dieser Liebe trauen. Dazu hilf uns um Christi willen. Amen.

Pfr. Christian Brost

Friede ist mit dir!

Geistliches Wort zum Osterfest

Er trat selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! (Lukas 24,36)

Mittlerweile ist es in unserer Gemeinde zu einer guten Tradition geworden, dass wir uns einmal im Jahr im Dunkel der Nacht versammeln, um miteinander zu erleben, wie es am Ostermorgen hell wird, wenn die Sonne die Nacht vertreibt.

Gott - unser Wegbegleiter

Wir hören die alten biblischen Geschichten vom guten Anfang des Lebens und wie es dann weitergeht jenseits von Eden. Wie Gott sich mit uns Menschen auf den Weg durch die Zeit macht, uns ein dickes Fell und seine Freundschaft schenkt. Und wie er selber lernt, als Mensch zu leben, wie er in Jesus dem Leben immer wieder zum Durchbruch verhilft: Selbst der Kreuzestod auf Golgatha ist nicht das Ende des Weges, sondern ein ganz neuer Anfang…

Darum singen und feiern wir am Ostermorgen, darum essen und trinken wir und sind fröhlich, denn wir haben einen Gott, der lebendig ist, der uns die Angst nimmt und Frieden schenkt.

Leben zwischen Nacht und Tag

Nein, ich leugne das Dunkel des Lebens nicht. Ich weiß darum, dass wir als Menschen auf der Grenze zwischen der vergehenden Nacht und dem neuem Tag leben. Ich weiß als Seelsorger um die Dunkelheiten dieser Welt und unseres Lebens: Beinahe täglich hören wir Todes- und Schreckensnachrichten. Wir wissen, wie das ist, wenn man an ein Sterbebett tritt, um Abschied zu nehmen. Wir kennen das Gefühl, wenn familiäre oder freundschaftliche Bande durch Unverständnis oder Lieblosigkeit zerreißen. Wir stehen hilflos vor der Gier mancher Menschen, die auf ihrer friedlosen Suche nach Sinn immer mehr wollen, immer reicher werden und dabei so viel kaputt machen auf Erden…

Die Wirklichkeit Gottes ist da.

Gleichzeitig sind wir als Christen aber auch hineingetaucht in das aufstrahlende Licht des Ostermorgens. Wir hören Jesu Gruß: Friede sei mit euch! Dieser Gruß hat damals am ersten Ostermorgen das Leben der beiden Frauen, die zum Grab Jesu kamen, zutiefst verändert.

Mit einem Mal erlebten sie jene andere Wirklichkeit, die uns stets umgibt, die wir mit unseren Augen und Ohren jedoch oft nicht wahrnehmen. Dabei ist sie da. Diese Wirklichkeit Gottes begegnet uns in den Geschichten der Bibel. Wir nehmen sie an und auf, wenn wir um den Altar stehen und Brot und Wein miteinander teilen: Brot des Lebens, Kelch des Heils.

Als Christen dürfen wir uns im Blick auf die großen und kleinen Entscheidungen des alltäglichen Lebens an dieser Glaubenswirklichkeit orientieren.

Die Osternacht war früher auch der Zeitpunkt der Taufe. Die ersten Christen haben zu Ostern die neuen Gemeindeglieder getauft, weil sie wussten: Wir können im Leben und Sterben auf vieles verzichten, aber nicht darauf, dass der Auferstandene uns zuruft: Der Friede Gottes ist mit dir! Fürchte dich nicht! Du bist Gott wertvoll, er ist dabei auf deinem Weg und bringt dich am Ende ans Ziel und ins Licht!

Ohne Hoffnung, ohne Frieden, ohne das Licht des Ostermorgens überwältigt uns die Dunkelheit dieser Welt und wir resignieren. Friede ist mit euch! In diesem Bewußtsein brechen wir zu Ostern auf, um unseren Weg mit Gott zu gehen und seinen Frieden weiterzugeben.

Ein getrostes, friedvolles Osterfest wünscht Ihnen Ihr

Pfarrer Christian Brost

Hilde Domin: Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnäßt bis auf die Herzhaut.
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
daß bei Sonnenaufgang die Taube den Zweig vom Ölbaum bringe.
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
daß noch die Blätter der Rose am Boden eine leuchtende Krone bilden.
Und daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler stets von neuem
zu uns selbst entlassen werden.

Vater Unser

Predigt nach Bildern, gemalt von SchülerInnen des Aufbaugymnasiums Hollabrunn

Das Vaterunser besteht im Deutschen aus 62 Worten, liebe Gemeinde, eine Verordnung der europäischen Kommission über den Import von Karamellprodukten hingegen kommt nicht mit weniger als 26.911 Worten aus - man kann mit vielen Worten wenig sagen und man kann mit einigen wenigen Worten viel bewegen.

Als seine Jünger Jesus baten, ihnen das Beten beizubringen, hat er sie das Vaterunser gelehrt. Es ist das zentrale Gebet der Christenheit geworden: Protestanten, Katholiken, Orthodoxe und auch freikirchliche Christen beten dies Gebet gleichermaßen. Für uns Anlass genug, die Schülerinnen und Schüler des Aufbaugymnasiums zu bitten, uns ihre Interpretation des Gebets des Herrn zu malen – was sie auf beeindruckende Weise getan haben.

1. Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Auf dem ersten Bild ist der Schöpfer zu sehen, der seine Schöpfung betrachtet. Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der uns Vater und Mutter, Lehrer und Freund ist…

Er hat uns Lebensraum geschenkt, er hat uns seinen Odem eingehaucht und er hat uns unser Leben geschenkt. Er will, dass wir leben - aufrecht und aufrichtig, dass wir glücklich sind und an den Spannungen, die zu unserem Leben gehören, nicht zerbrechen.

Ein Berg ist auf dem ersten Bild zu sehen, ein Berg. In Psalm 121 fragt der Beter: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Auf unserem Bild ist auf dem Gipfel ein Kreuz zu sehen, das große, christliche Symbol - Zeichen für die Auferstehung Jesu. Zeichen für den Sieg des Lebens über den Tod.

  • In Jesus Christus sucht Gott unsere menschliche Nähe,
  • In Jesus Christus macht der lebendige Gott eine menschliche Selbsterfahrung.
  • In Jesus Christus sagt Gott zu uns: im Auf und Ab eures Lebens bin ich da. Ich lasse euch nicht im Stich. Jede Verletzung, die euch das Leben zufügt, schmerzt auch mich, jeder Dämon, der euch umtreibt, grinst auch mich an. Ich leide mit euch unter jedem Abschied, den ihr zu bewältigen habt…

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der mich in Christus bei der Hand nimmt und mir den Weg nach Hause zeigt.

2. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden.

Auf dem zweiten Bild sehen wir Gott und seine Erde dicht beisammen. Sie gehen ineinander über. Gott auf Erden, die Erde in IHM.

Angesichts der Nachrichten, die uns täglich erreichen, könnte man meinen, Gott und Welt fielen auseinander. Gott scheint keine große Rolle in den wirtschaftlichen und politischen Überlegungen unserer Zeit zu spielen. Die Kirchen scheinen keine große Rolle mehr im gesellschaftlichen Leben zu spielen. Glaube ist zur Privatsache geworden. Wir Christen mischen uns viel zu wenig ein in den Lauf der Welt. Das ist nicht gut!

„Ich habe einen Traum“, sagt Gott. „Bitte helft mir, dass er wahr wird. Es ist der Traum von einer Welt, deren Hässlichkeit und Elend und Armut, deren Kriege und Feindseligkeiten, deren Gier und gnadenloser Wettbewerb, deren Entfremdung und Disharmonie in ihr glorreiches Gegenteil verkehrt werden. Ich träume von einer Welt, in der es mehr Lachen, Freude und Frieden geben wird, Gerechtigkeit und Güte und Mitgefühl, Liebe, Fürsorge und Gemeinsamkeit. Ich habe den Traum, dass der Löwe wieder neben dem Lamm liegt, dass Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Baumscheren geschmiedet werden. Ich träume davon, dass meine Kinder wissen, dass sie zu einer einzigen großen Familie gehören, der Familie der Menschen, meiner Familie, in der es keine Außenseiter gibt. Alle gehören dazu. Schwarz und Weiß, Reich und Arm, Homo und Hetero, Jude und Araber, Palästinenser und Israeli, Katholik und Protestant, Serbe und Albaner, Hutu und Tutsi, Moslem und Christ, Buddhist und Hindu, Pakistani und Inder - alle.“(Desmond Tutu)

3. Unser tägliches Brot gib uns heute.

Licht und Wärme auf dem dritten Bild. Wasser und Brot, Braun und Grün, Erde und Leben…

Wenn jemand hungrig ist, möchte Gott das Wunder tun, diesem Menschen zu essen zu geben. Aber das geschieht heute nicht mehr, indem Manna vom Himmel fällt. Normalerweise und in den meisten Fällen kann Gott nichts tun, solange wir ihm nicht die Mittel an die Hand geben, um die Hungrigen zu speisen.

Wenn ein Mensch nackt ist, möchte Gott das Wunder tun, diesen Menschen zu bekleiden, aber dazu schwebt kein Designer-Outfit vom Himmel. Nein, wir sollen Gott das Rohmaterial für Seine Wunder liefern.

Wenn ein Mensch einsam, gefangen oder krank ist, möchte Gott das Wunder tun, diesem Menschen Lebensmut und Hoffnung einzuflößen. Das geschieht in aller Regel nicht durch eine laute Stimme vom Himmel, sondern indem wir uns in die Küche oder ans Bett dieses Menschen setzen und für ihn da sind. Oder ihn im Gefängnis besuchen, so dass er merkt: Ich bin nicht abgeschrieben…

In Rom gibt es eine Kirche mit einer Christusstatue ohne Arme. Sie will uns zeigen, wie sehr sich Gott darauf verlässt, dass wir, als seine menschlichen Partner, sein Werk für Ihn vollenden. Ohne uns hat Gott keine Augen, keine Ohren und keine Arme. Gott wartet auf uns und verlässt sich auf uns.

Wenn wir Gottes Wesen spiegeln wollen, dann müssen wir uns in besonderer Weise um die kümmern, die an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. Den Armen, den Gestrandeten und den Hungrigen müssen wir unsere Stimme leihen - und da sein, wo Jesus wäre.

Unser Tägliches Brot gib uns heute… Gebt ihr ihnen zu essen, sagt Jesus zu seinen Jüngern, ich helfe euch dabei!

4. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Unser viertes Bild. Gut und Böse ineinander verwoben. Hell und Dunkel unseres Lebens ineinander verwoben. Schnell wird deutlich, wie dumm ein ‚Schwarz- weiß- Denken’ ist und wie wenig es dem Leben gerecht wird. Wir sind nie nur gut oder nur schlecht, wir haben beides in uns: positive und negative Eigenschaften. Große Gaben und tiefe Abgründe, in die wir besser niemand blicken lassen.

„Wenn wir wirklich verstehen wollen, dass Gott uns alle liebt, müssen wir anerkennen, dass er auch unsere Feinde liebt. Gott teilt unseren Hass nicht, ganz gleich, welches Unrecht wir erduldet haben. Wir versuchen, Gott für uns und unsere Sache zu beanspruchen, aber Gottes Liebe ist zu groß, als dass sie sich auf eine Seite eines Konfliktes oder auf eine Religion begrenzen ließe. Und unsere Vorurteile, ob sie auf Religionszugehörigkeit, Rasse, Nationalität, Geschlecht, sexueller Orientierung oder etwas anderem basieren, sind in Gottes Augen absolut und in höchstem Maß lächerlich.“ (Desmond Tutu)

Anderen Menschen vergeben, sich mit ihnen versöhnen bedeutet nicht, die Augen vor dem Unrecht zu verschließen. Versöhnung legt die Wahrheit offen, die Schmerzen, die Verletzungen. Dadurch kommt alles Schlimme noch einmal hoch. Doch wenn wir unser Unrecht erkennen und es bereuen, dann wächst auch das Bedürfnis das Unrecht einzugestehen, das wir begangen haben und den Anderen um Vergebung zu bitten.

Wer vergibt, der bekundet damit, dass ihm die Beziehung zum Nächsten wichtig ist und dass er daran glaubt, dass der Täter sich zu ändern kann. Hier liegt die Chance für einen Neuanfang.

Deshalb fordert Jesus uns auf, nicht nur sieben Mal, sondern siebzig Mal sieben Mal zu vergeben – also immer. Leider fügen wir oft den Menschen Unrecht zu, die wir lieben. Wir brauchen also immer wieder ihre Vergebung. Vergessen wir dabei nicht: Wer vergibt, heilt auch sich selber.

5. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ich bin sehr dankbar für unser fünftes Bild, weil auf ihm eine Versuchung dargestellt ist, die wesentlich zur Zerstörung von menschlichen Beziehungen und zur Zerstörung der Schöpfung beiträgt: die Versuchung zu meinen, unser Glück läge im Haben.

Mit großer Gier versuchen manche Menschen sich ihr Stück vom Lebenskuchen abzuschneiden – egal wie viel für die anderen übrigbleibt. In einer Fernsehdokumentation hat ein Broker der New Yorker Börse die ‚Spielregeln’ in seinem Geldgeschäft folgendermaßen beschrieben: ‚Du hast dich verspekuliert, hast alles verloren? Pech für dich. Ich steig über deine Leiche und mache meine nächste Million.’

Auf unserem Bild leuchtet auch auf der dunklen Seite der Gier ein Licht. Und der dargestellte Mensch hat Gott sei Dank eine helle, lichte Seite. Auch hier funktioniert unser ‚Schwarz-weiß-Denken’ nicht. Wir alle haben den Neid, die Gier, das ‚Haben-wollen’ in uns.

Doch Gott traut uns zu, dass wir lernen diese Eigenschaften zu beherrschen, ihnen ihren Platz in unseren Leben zuzuweisen, ihnen nicht die Herrschaft zu überlassen.

6. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit - in Ewigkeit. Amen.

Der Kreis schließt sich. Ein kraftvolles Schlussbild. Die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, und Luft formen das Antlitz Gottes. Der Regenbogen steht für Gottes Freundschaft mit uns Menschen. Gottes Wort eröffnet uns neue Räume, wenn wir den Mut haben uns darauf einzulassen, über die Schwelle zu treten und diese Lebensräume zu betreten. Wer hingegen immer nur ängstlich im Vertrauten verharrt, verpasst manche Erfahrung, die Gott ihm zugedacht hat. Schließen möchte ich mit dem großen Lobgesang des Franziskus:

Gelobet seist du, Herr, mit allen Wesen, die du geschaffen. Mit unsrer Schwester, der Sonne, die uns den Tag heraufführt, die Licht uns spendet mit ihren Strahlen, die Schöne. Dein Gleichnis ist sie, mein Gott. Gelobet seist du, Herr, durch Bruder Mond und durch die funkelnden Sterne. Gelobet seist du, Herr, durch Luft und Wolke, durch unsern Bruder, den Wind. Gelobet seist du, Herr, durch Schwester Quelle. Wie köstlich ist sie und rein. Gelobet seist du, Herr, durch Bruder Feuer, den mächtig lodernden Brand. Gelobet seist du, Herr, durch Mutter Erde, die gütig und stark uns trägt. Sie schenkt uns Früchte und vielerlei Nahrung und farbige Blumen und Matten. Gelobet seist du, Herr, durch die, die vergeben um deiner Liebe willen. Gelobet seist du, Gott durch unseren Bruder, den Tod. Niemand kann ihm entrinnen. Gelobet seist du, Gott. Wer in dir stirbt, er bleibt bewahrt vor dem zweiten Tod.

Amen.

Pfr. Christian Brost