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Rabbi Rothschild zu Gast in Stockerau

Unsere Lutherkirche war einmal eine jüdische Synagoge. Das ist noch nicht so lange her.
Jesus Christus war Jude. Unser christlicher Glaube hat jüdische Wurzeln. Das allein macht es schon interessant, sich mit jüdischer Spiri­tualität zu beschäftigen und mit heute lebenden Juden ins Gespräch zu kommen.

Rabbi Rothschild

Rabbiner Dr. Walter Rothschild ist ein Mann von Welt: geboren in England, Doktorat in Eisenbahntechnik, Studium zum Rabbi in Holland und Jerusalem, nach verschiedenen Zwischenstationen nun seit zwei Jahren Wanderrabbiner mit Wohnsitz in Berlin, zuständig für mehrere Gemeinden in Schleswig-Holstein und auch Wien, und zwar für die liberale jüdische Gemeinde Or-Chadasch. Im Vergleich dazu erscheint unsere eigene Diaspora wie ein Ballungszentrum.

Rabbi Rothschild ist ein Sprachen­talent. Er spricht Deutsch, Englisch, Holländisch und Hebräisch - nicht nur, dass er diese Sprachen beherrscht: er spricht unglaublich schnell, mit viel Witz und Iro­nie und bemerkenswerter Sprach­gewandtheit.

Was mir persönlich besonders interessant erschien: Der liberalen jüdischen Gemeinde geht es um das lebendig Halten der jüdischen Tradition in Anpassung an die heutigen Lebensbedingungen. Das geht nicht ohne Kompromisse. Damit einhergehend soll der Inhalt der Tradition als Basis des Glaubens vermittelt werden. Regelmäßige Treffen der Gläubigen sind dabei Voraussetzung für das Gelingen der Gemeinschaft. Man trifft sich in der Synagoge, aber auch in jedem anderen Raum, wenn es keine Synagoge gibt. Die Synagoge ist Ort des Lernens, der Begegnung und des Gebets.

Rabbi Jesus

Mit dem historischen Jesus - einem Rabbi - haben viele Juden kein Problem. Sie glauben aber nicht an die jungfräuliche Empfängnis, nicht an die Wunder Jesu und auch nicht an seine Auferstehung. Nach jüdischer Auffassung ist Jesus nicht der Messias. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied zu uns Christen. Wir haben in unseren Gottesdiensten und unseren Gebeten den Fokus auf Jesus Christus - einen konkreten Menschen -, der konkrete Bilder und Assoziationen ermöglicht.

Das führt direkt zur jüdischen Kritik am Christentum: Es sei kein klarer Monotheismus, weil es Gott in dreierlei Gestalt sehe: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Auch im Blick auf das Verständnis von Mission unterscheiden sich die beiden Religionen: „Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Juden wären, dann wären alle Juden. Jedes Volk hat seine Aufgabe.”

Tradition - Weitergabe

Wir glauben an „unseren Gott und den Gott unserer Vorfahren”, so Rabbi Rothschild. Persönlicher Glaube und der tra­dierte Glaube sind grundlegend für einen gläubigen Juden. Auch wenn es ein Glaube mit „beschränkter Hoffnung” ist, ist er auf die Verheißung Gottes hin ausgerichtet.

Was Juden glauben, ist im jüdischen Gottesdienst zu hören. Wenn es Zweifel und Fragen gibt, wird diskutiert und studiert. Ich habe den Eindruck, dass sich Juden ihren Glauben im Lesen und im darüber Sprechen wirklich erarbeiten. Für mich ist nach diesem Abend gut nachvollziehbar, wie der jüdische Glauben von Generation zu Generation weitergegeben wird. Darin liegt eine ganz besondere Kraft.

Auch wenn die unterschiedliche Sicht Jesu Christi Juden und Christen trennt, kann der uns gemeinsame Glaube an Gottes Verheißung und seine Gegenwart zu Kontakt und Austausch ermutigen.

Nach anderthalb Stunden endete der interessante Abend mit dem wortgewaltigen Rabbi. Die Zeit ist wie im Flug vergangen, und für so manches Gespräch war im Anschluss auch noch Gelegenheit.

Irmi Lenius

Weltgebetstag der Frauen 2010

Alles was Atem hat lobe Gott.

Unter dieses Motto haben Frauen aus dem westafrikanischen Kamerun den Gottesdienst für den diesjährigen Weltgebetstag am 5. März 2010 gestellt. In unserer Lutherkirche haben ihn an die 50 Personen verschiedener Konfessionen miteinander gefeiert.

Kamerun

„In Kamerun loben wir Gott auch in schwierigen Zeiten, wir loben ihn alleine für das Geschenk des Lebens,“ heißt es in der Gottesdienstordnung. Dass die Menschen in Kamerun immer wieder mit solchen Zeiten zu tun haben, konnten wir an diesem Abend erfahren.

Zwar ist die Wirtschaft in Kamerun eine der erfolgreichsten in Afrika und auch die Alphabetisierung für afrikanische Verhältnisse hoch, aber dennoch sind die Menschen auch mit Ausbeutung, Menschenhandel, Misswirtschaft, Korruption, Krimi­nalität und HIV konfrontiert. Auch die genitale Verstümmelung bei Mädchen und jungen Frauen ist wie fast überall in Afrika vorhanden.

Besonders hervorgehoben wurde die beispielgebende Ökumene. Der gegenseitige Respekt der verschie­denen Konfessionen und Religionen ist bemerkenswert. Man hat z.B. heraus­gefunden, dass die kleinen Konflikte von Christentum und Islam weniger religiöser als gesellschaftlicher Natur waren, und lebt seither friedlich miteinander. Ein Imam neben einer Pfarre­rin und einem Priester ist keine Aus­nah­mesituation. Ich finde, wir in Österreich könnten davon einiges lernen!

Der Gottesdienst

Die Bibellesung aus der Apostel­geschichte wurde szenisch dargestellt. Es handelte sich um die Geschichte der hellsichtigen Sklavin, die Paulus und Silas tagelang mit ihrer Wahrsagerei verfolgte, bis es Paulus zu viel wurde und er den Wahrsagedämon der Frau austrieb. Deren Herren sahen sich nun um eine Verdienstquelle ärmer und ließen Paulus und Silas ins Gefängnis werfen. Plötzlich erschütterte ein Erdbeben das Gefängnis, die Türen sprangen auf und die Ketten zerbarsten. Die Gefangenen flohen aber nicht, sondern bekehrten den verängstigten Gefängniswärter.

Die Kamerunerinnen erinnert das daran, dass Gott uns durch die dunklen Seiten des Lebens führt und dass Gottes Liebe alle Menschen erlöst.

Mit der Kollekte von € 386,00 unterstützen wir zwei Projekte in Kamerun. Eines ist ein Landwirt­schafts­projekt für Witwen und deren Kinder, das andere ist für Schulgeld für Waisenkinder und Lebenshilfe für Aidskranke.
Im Gemeindesaal ließen wir den Abend fröhlich bei Speis und Trank und netten Gesprächen ausklingen.

Lisi Flamisch

Die Kunst des Müßiggangs

In der säkularisierten Gesellschaft gilt als gutes Leben vor allem das reiche, erfüllte Leben …Wer doppelt so schnell handelt, kann praktisch zwei Lebenspensen in einem unterbringen.
(Hartmut Rosa, Soziologe und Beschleunigungsforscher)

Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!
(Gott, Schöpfer und Erhalter)

Wir leben in einer „Beschleunigungs­gesellschaft“, in der das Gefühl des Gehetztseins zum Dauerzustand geworden ist. Was wir bräuchten, wären nicht allein Erholungsphasen, sondern Stunden der Ruhe, in denen wir Herr über unsere Zeit sind und einmal gar nichts machen müssen. Solche Momente wären Balsam für unsere sozialen Beziehungen, unsere Gesundheit, unsere Phantasie und Kreativität.
Das Problem ist, dass uns in unserer Freizeit nicht selten auch die Zeit knapp wird. Denn nun drängt, was wir lange aufgeschoben haben: endlich mal mit den Kindern etwas machen, Hobbys pflegen, Sport treiben …

Warum fällt es uns so schwer zur Ruhe zu kommen?

Nun, das liegt zum einen daran, dass unser Lebenstempo ein gesellschaftliches Problem ist. Wenn alle rennen, kann ich nicht einfach langsamer laufen. Außerdem gilt Nichtstun gesellschaftlich nach wie vor als unproduktiv und öde, und so setzen wir uns selbst in unserer Freizeit unter Erfolgsdruck. Kein Wunder, dass sich die ersehnte innere Ruhe so nicht einstellen will.
Und auch der Wohlstand, um dessentwillen wir all das auf uns nehmen, gereicht uns nicht zu Segen. Er beschert uns eine Fülle zusätzlicher Wahlmöglichkeiten – von unzähligen Fernsehkanälen und Handytarifen bis zu einer Fülle von Joghurtmarken. Mit jeder Wahl, die wir treffen, verzichten wir zwangsläufig auf die Alternativen – das schmerzt! Also versuchen wir es mit mehr Konsum: mehr Büchern, mehr CDs und immer exotischeren Freizeitangeboten.
Dabei hat die Kunst des Müßiggangs mit einer inneren Haltung zu tun: weniger ist oftmals mehr. Ich verpasse nicht das Leben, wenn ich nicht alles habe und alles tue, was im Moment en vogue ist.

Wie wir zu dieser Lebenshaltung finden können?

Indem wir ein Geschenk ganz neu ernst nehmen, das Gott seinem Volk gemacht hat und das zu den größten kulturhistorischen Errungenschaften unserer Zivilisation gehört:
Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes.
Da sollst du keine Arbeit tun!
Das ist der Weg der Vorzeit: Am Sabbat erinnert sich Gottes Volk seiner Geschichte. Man liest in den alten Texten, erzählt, was man mit Gott erlebt hat, singt, betet, isst und trinkt miteinander!
Und lernt dabei, dass wir unser Leben Voraussetzungen verdanken, die wir nicht selbst geschaffen haben.
Ich lade Sie ein, die Fastenzeit 2010, die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest einmal unter diesem Gesichtspunkt zu sehen und für sich auszuprobieren, ob das nicht ein guter, sinnvoller Weg sein kann zu mehr Ruhe und Muße und Zufriedenheit.
Ihr Pfarrer Christian Brost

Vom Versuch der Freiheit


Die ehemalige Synagoge und nunmehrige Lutherkirche Stockerau öffnete sich für Experimente im Zusammenklang der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam: Der Sonn­tag­abend des 21. Februar 2010 lud ein zu Texten aus Quellen religiöser Mystik und Klangcollagen, die verbindende Elemente zwischen den Religionen suchten.
Konfrontation und Gewalt ist keine Lösung. Sorgfältiges Begegnen und Kennenlernen ist Gebot der Stunde. Unter dem Thema „Vom Versuch der Freiheit – eine Spurensuche in den abrahamitischen Religionen“ gestalteten der evangelische Theologe Moritz Stroh (Textauswahl, Sprecher) und der Organist und Komponist Martin Zeller (Orgel, Soundinstallation) einen Abend der interreligiösen Begegnung.

Gelebte Ökumene in Oberrohrbach


Am Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen wurden wir zur Mitgestaltung eines katholischen Gottesdienstes in die neue Oberrohrbacher Kirche eingeladen: Gemeinsam mit Pfarrer Franz Forsthuber und Pfarrer Christian Brost durfte die evangelische Kantorei die Liturgie mitgestalten. Mit großer Offenheit – für die Franz Forsthuber bekannt ist – wurden wir in die große Schar der Feiernden aufgenommen. Ökumene kann auch so einfach sein, und so selbstverständlich.
Wir erfuhren an diesem Abend in Oberrohrbach, dass Gottes Wort katholische und evangelische Christen anspricht, wenn es mit dem Herzen gehört wird.

Vertrauter Rahmen

Der Ablauf des Gottesdienstes war uns nicht fremd. Es gab zwar kein gemeinsames Psalmgebet, aber wir hörten drei Lesungen.
In der Ersten trug der Priester Esra dem Volk Israel das Gesetz Mose vor: „Und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch des Gesetzes gerichtet.“
In der zweiten Lesung verglich Paulus die Gemeinde mit einem Leib, der viele Glieder hat. Ein Bild, das auch für unsere Ökumene passend ist: „Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden.“
Und schließlich hörten wir, wie Jesus in der Synagoge aus dem Buch des Propheten Jesaja vorliest und schließlich sagt: “Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt.“

Die Predigt

In der Predigt verglich Pfarrer Brost die Situation der Geschwis­terkirchen mit der der Emmausjünger. Traurig und enttäuscht gingen die beiden damals nach Emmaus. Sie glaubten, Jesus am Kreuz verloren zu haben. Aber sie hatten einander. Und in diesem Miteinander machten sie die Erfahrung: Jesus ist bei uns.
So verwandelte sich ihre Traurigkeit in neue Hoffnung und sogar Freude. So wirkt Gottes Geist bis heute in und unter uns. Er kann uns verwandeln, uns verklären, aus dem Kreuz ein Symbol der Hoffnung machen.
Das an alle verteilte Bild der beiden Emmausjünger drückt diese Wandlung aus. Die Beiden – manchmal auch wir! – tragen ihr Kreuz. Beim genauen Hinsehen erkennt man aber, dass die beiden selbst vom Kreuz getragen werden. Und dass Jesus ihnen sehr nahe ist, auch wenn sie ihn für machtlos und fern halten.
Der Prediger betonte dann, dass Gott nicht nur Katholiken oder Evangelische liebt. Gott liebt alle seine Kinder. Unsere Abgren­zun­gen, Ausgrenzungen, Vorurteile und unsere selbstsüchtigen Schlecht­ma­che­reien – all das macht Christus nicht mit. In unserem Bemühen, aufeinander zuzugehen, können wir sicher sein, dass Christus bei uns ist. Dann ist es auch möglich, dass Protestanten und Katholiken zu Zeugen der Liebe Gottes werden.

Gemeinsames Abendmahl

Nach dem Abendmahl, zu dem alle eingeladen waren, und dem von beiden Pfarrern gemeinsam gesprochenen Segen waren wir noch zu einer Agape geladen. Bei liebevoll gerichteten Brötchen und verschiedenen Getränken labten wir uns und konnten noch das eine oder andere Gespräch führen.
Ein herzliches Dankeschön an unsere katholischen Geschwister aus Oberrohrbach für ihre Gast­freund­schaft.
Ein inhaltsreicher Gottesdienst, der einen roten Faden erkennen lässt: das Zuhören. Hören auf Gottes Wort – hören auf die Not des anderen – einander zuhören – aufeinander hören – aufeinander zugehen - ein Hören mit dem Herzen.
Das Zuhören ist Vorraussetzung für jeden Dialog.
Irmi Lenius

Können die Kirchen Europa eine Seele geben?

Unser Bischof, Dr. Michael Bünker hielt am 14.1.21010 in Hollabrunn zu diesem Thema einen Vortrag.
1992 hat Jacques Delors, EU-Kommissionspräsident, eine „Seele für Europa“ ins Gespräch gebracht. Er meinte, dass mit Maastricht das Ende der Ökonomischen Phase der EU erreicht sei und es besonders für die junge Generation wichtig sei, über Sinn und Spiritualität des europäischen „Gebäudes“ nachzudenken und zu diskutieren. Er lud speziell die Kirchen zu diesem Dialog ein.

Was ist Europa?

Ethnische Vielfalt ist eine Tatsache. Europa – geografisch nicht einmal wirklich ein eigener Kontinent – hat eine bewegte Geschichte. Diese, seine kulturelle und religiöse Geschichte begründet, warum wir Europa einen Kontinent nennen.
Den Griechen verdankt Europa den Geist der Philosophie, den Aufbruch zur Wissenschaft, die Offenheit für die Künste. Den Römern verdankt Europa die Stiftung einer Rechtsordnung, den Sinn für politische Einheit und gestaltete Herrschaft. Den Juden schließlich verdankt Europa die Bibel, die prägende Religion, das bestimmende Bild vom Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen. Für die Zukunft hat nur ein Christentum Berechtigung, das sich seiner Herkunft aus dem Judentum bewusst ist.
Faktum 1: Europa ist mit einer zunehmenden Pluralisierung im Zuge des Wachstums der Europäischen Union konfrontiert. 2 Faktoren bestimmen diesen Prozess: zum einen das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Ethnien, bzw. unterschiedlichen Nationalitäten und zum anderen die Migration innerhalb der EU und die MigrantInnen.

Welche Rolle spielt nun die Religion?

Religion hat in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle. Religiös geprägte Menschen sind eher ehrenamtlich tätig, spenden eher, haben somit eine höhere soziale Kompetenz - Eigenschaften, die die Menschenwürde stützen. Die Beachtung der Menschenwürde ist eine grundlegende Voraussetzung des Zusammenlebens unterschiedlicher Menschen, besonders unterschiedlicher Nationalität oder Religion. Jeder demokratisch geführte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selber nicht schaffen kann. Nur auf der festen Basis säkular verankerter Grundrechte, die die Hausordnung in Europa abgeben, sind gegenseitiger Respekt und Anerkennung möglich. Wesentliche Elemente einer solchen Hausordnung sind die universale Geltung der Menschenrechte, politischer Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Ohne die religiöse Dimension mancher Probleme des Zusammenlebens und speziell der Integration von Migranten und Migrantinnen übersehen zu wollen, plädiert der Vortragende dafür, Religion nicht zuerst als Teil des Problems zu sehen, sondern genauso gut, ja noch mehr als Teil der Lösung.
Kirchen sind in diesem Spannungsfeld Sinnspender und Wertegeber.
Im Vertrag von Lissabon (Art.17) heißt es: „…. die EU pflegt mit diesen Kirchen und Gemeinschaften in Anerkennung ihrer Identität und ihres besonderen Beitrags einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog….“. Das bedeutet, Kirchen werden als existent betrachtet, Kirchen stellen sich selbst dar und organisieren sich selbst und Kirchen stehen den politischen Organen gegenüber – auf einer Ebene – und führen einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog. Auf diesem Weg lernen die Kirchen (und müssen noch verstärkt lernen) sich abzustimmen – gemeinsam zu sprechen, damit gemeinsame Ziele leichter erreicht werden können (z.B. Sonntagsruhe).
Dabei ist die „religiöse Landschaft“ Europas sehr vielfältig und bunt. Die meisten europäischen Kirchen haben Jahr für Jahr weniger Mitglieder. Das Vertrauen der Menschen in die religiösen Institutionen ist speziell im Westen Europas gering. Dennoch bekundet eine starke Mehrheit auf dem ganzen Kontinent (rund 75%) die große Bedeutung der religiösen/kirchlichen Begleitung bei den großen Wendepunkten des Lebens wie Geburt, Heirat und Tod. Beinahe 40% der Europäer besuchen Kirchen zu besonderen Anlässen, rund 30% tun dies regelmäßig und etwa ebenso viele tun dies nie. Menschen, die sich selbst ausdrücklich als „atheistisch“ bezeichnen, stellen eine kleine Minderheit in Europa dar. Zu beobachten ist weiters die Spannung von „belonging and believing“, wie es die Religionssoziologin Grace Davie formulierte: Erhebliche Teile der Bevölkerung, die sich selbst für religiös halten, gehören keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft an („believing without belonging“). Andere wiederum nehmen an kirchlichen Angeboten, vor allem im kulturellen Bereich oder im Feld der Bildung teil, ohne sich selbst als religiös zu verstehen („belonging without believing“). Religion und Glaube ist also nicht mehr an die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Gemeinschaft gebunden. Die Menschen wählen ihre Religion selbst, wobei sie nicht selten die Inhalte ihres Glaubens aus verschiedenen Traditionen beziehen. Daher spricht man von einer „Cafeteria-Religion“ oder einer „Patchwork-Religion.
Faktum 2 in Österreich: Die römisch-katholische Kirche stellt noch den größten Anteil der Gläubigen. Die 2. und am stärksten wachsende Gruppe ist jedoch die ohne religiöses Bekenntnis. An 3. Stelle finden sich die Orthodoxen und die Muslimen.
Faktum 3 ist die europaweit zunehmende Säkularisierung. Jedoch weder der Konsum noch der Kommunismus sind dafür verantwortlich zu machen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind sehr viel komplexer.

Hat Europa eine christliche Seele?

Noch einmal muss man betonen, dass Europa als Wertegemeinschaft sich einer Mehrzahl von Einflüssen verdankt. Mit den Worten von Kardinal Walter Kasper gesagt: “Antiker Humanismus, neuzeitliche Aufklärung und nicht zuletzt das Christentum in seiner byzantinisch/slawisch-orthodoxen, in seiner lateinisch-katholischen wie in seiner reformatorischen Ausprägung haben sich in das geistige und kulturelle Gesicht Europas unauslöschlich eingeprägt.”
Unsere Wurzeln sind in erster Linie christliche und säkulare, aber auch jüdische und islamische.
EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso sagte anlässlich der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Sibiu/Hermannstadt in Rumänien im September 2008:
„Einer Union, die nur auf ihre geographischen und wirtschaftlichen Dimensionen reduziert wird, mangelt es an Einheit. Nur die Teilhabe an den gemeinsamen Werten kann einem politischen Gebilde wie der EU Gehalt und Form geben…
Kirchen und Religionsgemeinschaften haben die Aufgabe, für besseres gegenseitiges Verständnis und die Förderung der gegenseitigen Achtung innerhalb der gemeinsamen Grundwerte beitragen. Religion ist in zahlreichen Gesellschaften eine immer wichtigere Dimension und Quelle von Werten für den Einzelnen. Sie kann eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Anerkennung anderer Kulturen, Religionen und Lebensstile spielen und eine Harmonie zwischen ihnen schaffen.“ Barroso schließt: „Ich bin sicher, dass Europa auf Ihren Beitrag zählen kann, damit wir die Spaltungen überwinden und die ersehnte Einheit in Vielfalt, oder, wie es im ökumenischen Zusammenhang häufig heißt, die „versöhnte Verschiedenheit“ herstellen können.“
Literaturhinweis: Michael Bünker (Hg.), Evangelische Kirchen und Europa, Evangelischer Presseverband Wien 2006 (mit Beiträgen von Erhard Busek, Heinz Fischer, Ulrich Körtner, Christine Gleixner u.a.)
Irmi Lenius

Amtseinführung und Mitarbeiterfest

(Für weitere Fotos klicken Sie bitte hier!)

Es war ein denkwürdiges Fest voller Emotionen: zuerst die Amts­einführung von Christian Brost im Abendmahlsgottesdienst, dann das Mitarbeiterfest!
Etwa 150 BesucherInnen feierten, dass unser Pfarrer nun für 12 Jahre bei uns gewählt ist. Da ist es Zeit, einmal kurz inne zu halten und zu sehen, in welche Gemeinde sich unser Pfarrer da eigentlich wählen ließ.

Wie der Engel in Philadelphia

Superintendent Weiland verglich unsere Kirche und Gemeinde mit dem Engel der Gemeinde in Phila­delphia (Off. 3,7f.), über den es heißt, er habe zwar nur wenig Kraft, aber er habe das Wort Gottes bewahrt und nicht verleugnet. Des­halb steht der Engel in der Gunst Gottes.

Ähnlich der Evangelischen Kirche und auch ähnlich unserer Gemeinde hat der Engel „zwar nur wenig Kraft“, aber er ist dennoch ein wich­tiger Teil von Gottes Plan. Gott schenkt gerade diesem schwachen Engel eine offene Türe, die für Frei­heit, Offenheit, Perspektive und Wei­te steht. Dieser weite Raum, der uns geschenkt ist, ruft uns hinaus in die Gegenwart der Welt, wo auch die Gegenwart Gottes ist.

Ja, wir sind die Christen mit der kleinen Kraft, aber der großen Hoff­nung! Dem Engel mit der kleinen Kraft wird in der Bibel zugesichert: „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dich bewahren!“ Das schenkt Zuversicht, gibt Kraft und Mut. Das lässt mutig im Einsatz für unsere Mitmenschen und zuver­sichtlich in der gemeindlichen Arbeit bis hin zum Umbau unserer Kirche und des Gemeindesaals sein!

Segen und Rosen

Was unsere Ge­mein­de ausmacht, sind tatsächlich die vielen verschiedenen Menschen, die das Wissen um Gottes Liebe zu uns und das Bemühen um Näch­sten­­­liebe verbindet.

Beim Amts­ein­füh­rungsgottesdienst war es für mich ein besonders berührender Moment, als ich als Vertreter der Gemeinde und Freund gemeinsam mit Superintendent und unseren Lektoren unserem neuen/alten Pfarrer ein Bibelwort und den Segen Gottes zusprechen durfte. Am Ende des Gottesdienstes bekam als Zeichen der Zuneigung unser Pfarrer von den Gottesdienstbesuchern Rosen überreicht, während der Chor sich mit einem Werk von J. Haydn einstellte. Mehrmals an diesem Tag musste unser Pfarrer (vor Rührung) nach Worten ringen – und jeder, der ihn kennt, weiß, dass das etwas Seltenes ist. Die Rosen gab er übrigens zu gutem Teil an seine wunderbare Familie weiter …

Ein fröhliches Miteinander …

Beim darauf folgenden Mitar­bei­ter­fest war der Gemeindesaal zum Bersten voll. Menschen aus den unterschiedlichen Gemeindeteilen und Aufgabengebieten lernten sich teilweise zum ersten Mal persönlich kennen und hatten gemeinsam Spaß. Von Mesnern, Bauhelfern und Kuchenbäckern über Sänger, Organisten und Presbyter bis zum Fotografen waren viele gekommen.

… einmal „arbeitslos“

Und alle genossen es sichtlich, einmal vollkommen „arbeitslos“ in der Kirche zu sein. Gerade heuer gab es ja besonders viele Projekte, die ohne ehrenamtliche Mitarbeit nicht einmal angedacht worden wären. An dieser Stelle daher nochmals meinen ganz großen Dank an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Der Nachmittag dieses ersten Mitar­bei­terfestes gestaltete sich äußerst unterhaltsam und kommunikativ. In einer „Sprachprüfung“ durfte Christian beweisen, dass er inzwischen auch unseren Dialekt beherrscht. Das schaffte er – erstaunlicherweise – echt leiwaund. Fotos der Ereignisse der letzten fünf Jahre ließen uns staunen, z.B. über den ersten Chorauftritt, die Einführung der Lektoren, den ersten Gottesdienst im Grünen in Retz, den Seminartag zum Gemeindeleitbild, Krabbelgottesdienste, Krip­pen­spiele, Jugendtage, Gemein­de­aus­flüge nach Nasswald, Waidhofen/Ybbs, Sopron usw.

Alle, die lange genug dabei sind, wissen: Die Entwicklung der letzten zehn Jahre lässt staunen. Wenn Menschen gemeinsam Gott vertrauen und mit ihm unterwegs sind, wachsen sie aneinander und füreinander. Es entsteht ein Lebensraum voll Frieden und Harmonie, wo jeder so sein darf, wie er wirklich ist. Wir können dank­bar sein für das Geschenk so einer Gemeinschaft.

(Nicht nur meine) Bitte am Schluss: Weiter so! Die schönsten Wege wer­den ja bekanntlich gemeinsam be­schritten.

Kurator Gert Lauermann

Projekt Lebensraum: Rück- und Ausblick

Das Jahr 2009 neigt sich dem Ende zu.
Mit dem Projekt Lebensraum wurde heuer für unsere Gemeinde eine mutige Entscheidung für die nächsten Generationen getroffen: die Neugestaltung des Kirchenraumes, den Einbau einer ökologisch nachhaltigen Heizung und Warmwasserbereitung im Sinne der Erhaltung der Schöpfung und die Errichtung eines größeren Gemeindesaales, um unser Gemeindeleben für jung und alt attraktiv gestalten zu können.

Das für heuer gesetzte erste Ziel die Wärmedämmung der Feuermauer und des restlichen Dachbodens des Pfarrhauses konnte erreicht werden. Ein Dank an die freiwilligen Helfer, die die Eternitplattenverkleidung und die Holzkonstruktion demontierten!

Im Jänner 2010 wollen wir mit dem Ausbau des Heizraumes im Keller des Pfarrhauses beginnen. Auch hier gibt es für freiwillige Helfer - hier spreche ich auch die Jugend an - ein tolles Fitnessprogramm: der Kellerboden muss um ca. 40 cm abgegraben und das Material mit Kübeln in die Container auf der Straße geschafft werden – ein einmaliges Aufbautraining für die Arm- und Beinmuskeln!
Nach Ostern beginnt der Umbau im Inneren der Kirche. Auch hier müssen wir versuchen, vieles in Eigenregie zu machen, um die Baukosten zu senken. Genaueres werde ich in folgenden Gemeindenachrichten bekanntgeben.

Auf ein Kennenlernen beim „sportlichen Einsatz“ im Jänner freut sich

Friedrich Kuchler

Friede auf Schritt und Tritt

Auf ihm wird Gottes Geist ruhen. Weisheit wird er besitzen und Einsicht.
Er wird Gottes Weg wissen und die Kraft haben ihn zu gehen. Er wird Gott kennen und ihm dienen. Er wird nicht nach dem Augenschein richten und nicht nach dem Gerede der Menschen. Er gibt den Armen das Recht zurück und sorgt für Gerechtigkeit bei den Unterdrückten im Lande.

Jesaja 11,2ff

Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.
Lukas 2,10ff

Auf einem Weihnachtsmarkt habe ich diesen geflügelten Weihnachtsmann entdeckt, der den Frieden und die Liebe austrägt. Kitschig und schön.
Das wäre bezaubernd, würden Frieden und Liebe zum Christfest so ausgeteilt werden wie die Geschenkpäckchen zu Weihnachten…

Aber so einfach ist es nicht.

Aber auch nicht so schwierig: Wir Christen glauben, dass mit Jesus Christus der „Heiland“ zur Welt gekommen ist. Der Heiland, der heilte, was zerbrochen war; der neue Wege aufzeigte, wo Menschen sich in Sackgassen verrannt hatten; der Gottes Weg kannte und ihn ging.

Einer, der Frieden austeilte auf Schritt und Tritt

In den Evangelien lesen wir, dass Jesus ein Armer unter Armen gewesen ist. Keiner, der mit dem Schwert Gericht hielt über die Ungerechtigkeit. Keiner der die Verhältnisse mit Gewalt änderte. Sondern einer, der Frieden austeilte auf Schritt und Tritt. Einer, der in Gottes Namen liebte, Schuld vergab und heilte, was gebrochen war. Einer, der uns Gott als liebevollen Vater beschrieben hat, dem das Wohlergehen seiner Kinder am Herzen liegt.

‚Friede sei mit dir!’ – hat er den Menschen zugesprochen und sie von Herzen geliebt, weil er wusste, dass nur eines der Seele Frieden bringt: angenommen zu werden wie man ist.
In jeder und jedem von uns steckt die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht gut zu sein, die Sehnsucht in Frieden mit sich und der Welt zu sein, die Sehnsucht das beschädigte Leben Gott hinzuhalten und Heilung zu finden und in Einklang mit sich selbst zu kommen…
Es geht darum, Liebe zu lernen. Eine Liebe, die nicht mit Besitzansprüchen vermischt ist, eine Liebe, die die Menschen verzaubert, die einen neuen Geschmack des Lebens hinterlässt.

Feiern wir ruhig Weihnachten und genießen wir die Festtage. Aber vergessen wir darüber nicht, unsere Herzen von Gottes Liebe berühren zu lassen, die in Jesus sichtbar und spürbar wird. So wächst heute schon der Friede, den Gott einst vollenden wird!

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir mit den Kindern unserer Gemeinde das große Händeplakat für den Fernsehgottesdienst gestaltet haben. Das Plakat sollte sichtbar machen: Wir sind alle in Gottes guter Vaterhand. Während dieses Plakat entstand, fragten die Kinder: Und was ist mit den Füßen?
In Gottes guter Hand geborgen zu sein gibt uns die Kraft auf andere Menschen zuzugehen und mit ihnen den Frieden und die Liebe Gottes, von der wir selber leben, zu teilen.
So bekommt unser Glaube Hand und Fuß!

Ein friedvolles Weihnachtsfest und ein liebevolles neues Jahr wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Christian Brost

Predigt zum Mitarbeiterfest

MitarbeiterInnenfest  der Pfarrgemeinde Stockerau und Amtseinführung von Pfarrer Mag. Christian Brost

15. November 2009, 10.00 Uhr, Stockerau

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Dein heiliger Engel sei mit mir“ betet Martin Luther in seinem Morgen- und Abendsegen. Engel spielen auch in der Bibel eine ganz große Rolle, auch wenn wir gerade im evangelischen Bereich meist nicht so viel damit anfangen können.

Sie sind eigentlich immer dort dabei, wo etwas passiert. Das Weihnachtsevangelium verbreiten als erste die Engel, die Nachricht von der Auferstehung sagt ein Engel weiter. Propheten werden von Engeln geführt.

Engel spielen eine besondere Rolle auch in der Kunst und im Kitsch. Ins Gerede gekommen sind sie mit dem Engelwerk mit seinem Handbuch. In diesem Handbuch sind die guten Engel und die bösen Engel aufgezählt und beim Namen genannt.

Aber von dieser Art von Engel möchte ich heute nicht reden. Ich möchte heute von einem Engel ganz anderer Art erzählen. In der Offenbarung des Johannes heißt es im 3. Kapitel:

Und dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids der da auftut und niemand schließt zu, der zuschließt und niemand tut auf.
Ich weiß deine Werke, siehe ich habe vor dir gegeben eine offene Tür und niemand kann sie zuschließen. Denn du hast eine kleine Kraft, aber du hast mein Wort behalten und meinen Namen nicht verleugnet.

Der Engel von Philadelphia scheint wirklich nicht der Prototyp unserer Engelsvorstellungen zu sein. Von ihm wird sogar gesagt, dass er nur eine kleine Kraft hat.

Trotzdem wird er als Engel angesprochen.
Trotzdem kann er etwas, was andere nicht ändern und nicht verändern können.

Die Tür für ihn ist offen. Die offene Tür steht für Freiheit, Offenheit, Perspektive, Weite. Mir fällt hier das Psalmwort ein: Du stellst meine Füße auf weitem Raum. (Psalm 31/9)
Und das heißt für mich: Wir stehen auf eigenen Füssen, es gibt den Platz, wo wir hingestellt sind. Und dieser Ort, wo wir sind, hat offene Türen und ist ein weiter Raum.

Das heißt aber auch: kein Rückzug in einen geschützten, abgeschlossenen Raum. Der weite Raum, der uns geschenkt ist, er ruft uns hinaus in die Gegenwart der Welt, wo auch die Gegenwart Gottes ist.
Der Engel mit der kleinen Kraft – der findet sich zurecht in dieser offenen Tür, in der Weite des Raumes. Ihn zeichnet etwas besonders aus: Er hat das Wort Gottes behalten und das Wort Gottes nicht verleugnet.
Interpretierend kann man sagen: Da ist nicht viel von Protz und Prunk. Da jagt nicht eine Attraktion die andere, dass einem die Luft wegbleibt. Da gibt es nicht jeden Tag eine Schlagzeile in der Zeitung oder im Fernsehen.

Aber das Tun und Lassen des Engels ist nicht vergeblich. Das wird registriert, das wird wertgeschätzt. Auf seinem Handeln liegt Segen.

Weil sein Glaube fest ist und er Jesus Christus nicht verraten hat. Mir persönlich ist dieser Engel der Gemeinde in Philadelphia immer vertrauter geworden, so als lebte er heute neben mir.

Ich sehe in ihm vorweggenommen viele Situationen, vor denen wir heute stehen. Wir sind in vielem machtlos und wissen, dass wir nichts Besonderes leisten können. Wir sind die Christen mit der kleinen Kraft.

Wir spüren das, wenn wir Auseinandersetzungen und Streit unter uns schlichten wollen. Wir erfahren das, wenn Menschen um uns nach dem Sinn des Lebens suchen. Wir müssen es zur Kenntnis nehmen, wenn wir uns für bessere Lebensbedingungen anderer Menschen einsetzen.

Und trotzdem werden wir liebevoll als Engel angeredet. Gott liebt diese Engel, Sie, die Engel der Pfarrgemeinde von Stockerau.

Die Engel mit der kleinen Kraft. Das sind für mich die evangelischen Engel. Das ist keine Koketterie mit der Kleinheit, weil das andere zu groß und zu unerreichbar sein könnte. Das ist kein Spiel mit sauren Trauben, die einfach zu hoch hängen, das ist die Erkenntnis, dass „mit unserer Macht nichts getan ist und wir gar bald verloren sind“. Aber, so geht es im Lied weiter: „Es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.“

In der Offenbarung des Johannes wird dem Engel mit der kleinen Kraft zugesichert: Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dich bewahren. Die Stunde der Versuchung, die Stunde der Prüfung und die Stunde der letzten Wahrheit brauchst du nicht zu fürchten, weil du meinem Wort vertraut und es bewahrt hast. Das schenkt Zuversicht, gibt Kraft, lässt Aufbrüche wagen. Mutig sein im Einsatz für unsere Mitmenschen, zuversichtlich in den Vorhaben in Ihrer Gemeinde von den vielfältigen Arbeitsbereichen bis hin zum geplanten Umbau des Gemeindezentrums und der Renovierung der Kirche.

Christen mit der kleinen Kraft, aber mit der großen Hoffnung. Weil du mein Wort bewahrt hast, so will ich dich auch bewahren, sagt Jesus dem Engel von Philadelphia.

Und er sagt es damit auch Ihnen und mir.

Uns gehört die offene Tür, die Weite des Raumes. Wie dem Engel der Gemeinde von Philadelphia, so hat auch Ihnen der Boden des Gottesglaubens viel zu bieten: Einen unverzagten, selbstsicheren, aber nicht selbstbezogenen Geist. Einen Lebensraum der Aufbrüche und der Hoffnungen. Und die Gewissheit der Geborgenheit und der Liebe, die uns das ganze Leben lang trägt.

Amen.

Superintendent Mag. Paul Weiland