Rabbi Rothschild zu Gast in Stockerau
Unsere Lutherkirche war einmal eine jüdische Synagoge. Das ist noch nicht so lange her.
Jesus Christus war Jude. Unser christlicher Glaube hat jüdische Wurzeln. Das allein macht es schon interessant, sich mit jüdischer Spiritualität zu beschäftigen und mit heute lebenden Juden ins Gespräch zu kommen.
Rabbi Rothschild
Rabbiner Dr. Walter Rothschild ist ein Mann von Welt: geboren in England, Doktorat in Eisenbahntechnik, Studium zum Rabbi in Holland und Jerusalem, nach verschiedenen Zwischenstationen nun seit zwei Jahren Wanderrabbiner mit Wohnsitz in Berlin, zuständig für mehrere Gemeinden in Schleswig-Holstein und auch Wien, und zwar für die liberale jüdische Gemeinde Or-Chadasch. Im Vergleich dazu erscheint unsere eigene Diaspora wie ein Ballungszentrum.
Rabbi Rothschild ist ein Sprachentalent. Er spricht Deutsch, Englisch, Holländisch und Hebräisch - nicht nur, dass er diese Sprachen beherrscht: er spricht unglaublich schnell, mit viel Witz und Ironie und bemerkenswerter Sprachgewandtheit.
Was mir persönlich besonders interessant erschien: Der liberalen jüdischen Gemeinde geht es um das lebendig Halten der jüdischen Tradition in Anpassung an die heutigen Lebensbedingungen. Das geht nicht ohne Kompromisse. Damit einhergehend soll der Inhalt der Tradition als Basis des Glaubens vermittelt werden. Regelmäßige Treffen der Gläubigen sind dabei Voraussetzung für das Gelingen der Gemeinschaft. Man trifft sich in der Synagoge, aber auch in jedem anderen Raum, wenn es keine Synagoge gibt. Die Synagoge ist Ort des Lernens, der Begegnung und des Gebets.
Rabbi Jesus
Mit dem historischen Jesus - einem Rabbi - haben viele Juden kein Problem. Sie glauben aber nicht an die jungfräuliche Empfängnis, nicht an die Wunder Jesu und auch nicht an seine Auferstehung. Nach jüdischer Auffassung ist Jesus nicht der Messias. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied zu uns Christen. Wir haben in unseren Gottesdiensten und unseren Gebeten den Fokus auf Jesus Christus - einen konkreten Menschen -, der konkrete Bilder und Assoziationen ermöglicht.
Das führt direkt zur jüdischen Kritik am Christentum: Es sei kein klarer Monotheismus, weil es Gott in dreierlei Gestalt sehe: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Auch im Blick auf das Verständnis von Mission unterscheiden sich die beiden Religionen: „Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Juden wären, dann wären alle Juden. Jedes Volk hat seine Aufgabe.”
Tradition - Weitergabe
Wir glauben an „unseren Gott und den Gott unserer Vorfahren”, so Rabbi Rothschild. Persönlicher Glaube und der tradierte Glaube sind grundlegend für einen gläubigen Juden. Auch wenn es ein Glaube mit „beschränkter Hoffnung” ist, ist er auf die Verheißung Gottes hin ausgerichtet.
Was Juden glauben, ist im jüdischen Gottesdienst zu hören. Wenn es Zweifel und Fragen gibt, wird diskutiert und studiert. Ich habe den Eindruck, dass sich Juden ihren Glauben im Lesen und im darüber Sprechen wirklich erarbeiten. Für mich ist nach diesem Abend gut nachvollziehbar, wie der jüdische Glauben von Generation zu Generation weitergegeben wird. Darin liegt eine ganz besondere Kraft.
Auch wenn die unterschiedliche Sicht Jesu Christi Juden und Christen trennt, kann der uns gemeinsame Glaube an Gottes Verheißung und seine Gegenwart zu Kontakt und Austausch ermutigen.
Nach anderthalb Stunden endete der interessante Abend mit dem wortgewaltigen Rabbi. Die Zeit ist wie im Flug vergangen, und für so manches Gespräch war im Anschluss auch noch Gelegenheit.
Irmi Lenius







