Die Kunst des Müßiggangs
In der säkularisierten Gesellschaft gilt als gutes Leben vor allem das reiche, erfüllte Leben …Wer doppelt so schnell handelt, kann praktisch zwei Lebenspensen in einem unterbringen.
(Hartmut Rosa, Soziologe und Beschleunigungsforscher)
Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!
(Gott, Schöpfer und Erhalter)
Wir leben in einer „Beschleunigungsgesellschaft“, in der das Gefühl des Gehetztseins zum Dauerzustand geworden ist. Was wir bräuchten, wären nicht allein Erholungsphasen, sondern Stunden der Ruhe, in denen wir Herr über unsere Zeit sind und einmal gar nichts machen müssen. Solche Momente wären Balsam für unsere sozialen Beziehungen, unsere Gesundheit, unsere Phantasie und Kreativität.
Das Problem ist, dass uns in unserer Freizeit nicht selten auch die Zeit knapp wird. Denn nun drängt, was wir lange aufgeschoben haben: endlich mal mit den Kindern etwas machen, Hobbys pflegen, Sport treiben …
Warum fällt es uns so schwer zur Ruhe zu kommen?
Nun, das liegt zum einen daran, dass unser Lebenstempo ein gesellschaftliches Problem ist. Wenn alle rennen, kann ich nicht einfach langsamer laufen. Außerdem gilt Nichtstun gesellschaftlich nach wie vor als unproduktiv und öde, und so setzen wir uns selbst in unserer Freizeit unter Erfolgsdruck. Kein Wunder, dass sich die ersehnte innere Ruhe so nicht einstellen will.
Und auch der Wohlstand, um dessentwillen wir all das auf uns nehmen, gereicht uns nicht zu Segen. Er beschert uns eine Fülle zusätzlicher Wahlmöglichkeiten – von unzähligen Fernsehkanälen und Handytarifen bis zu einer Fülle von Joghurtmarken. Mit jeder Wahl, die wir treffen, verzichten wir zwangsläufig auf die Alternativen – das schmerzt! Also versuchen wir es mit mehr Konsum: mehr Büchern, mehr CDs und immer exotischeren Freizeitangeboten.
Dabei hat die Kunst des Müßiggangs mit einer inneren Haltung zu tun: weniger ist oftmals mehr. Ich verpasse nicht das Leben, wenn ich nicht alles habe und alles tue, was im Moment en vogue ist.
Wie wir zu dieser Lebenshaltung finden können?
Indem wir ein Geschenk ganz neu ernst nehmen, das Gott seinem Volk gemacht hat und das zu den größten kulturhistorischen Errungenschaften unserer Zivilisation gehört:
Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes.
Da sollst du keine Arbeit tun!
Das ist der Weg der Vorzeit: Am Sabbat erinnert sich Gottes Volk seiner Geschichte. Man liest in den alten Texten, erzählt, was man mit Gott erlebt hat, singt, betet, isst und trinkt miteinander!
Und lernt dabei, dass wir unser Leben Voraussetzungen verdanken, die wir nicht selbst geschaffen haben.
Ich lade Sie ein, die Fastenzeit 2010, die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest einmal unter diesem Gesichtspunkt zu sehen und für sich auszuprobieren, ob das nicht ein guter, sinnvoller Weg sein kann zu mehr Ruhe und Muße und Zufriedenheit.
Ihr Pfarrer Christian Brost
You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.
